
Wie brach der Erste Weltkrieg mit den Regeln der Kriegsführung?
Vor 1914 wurden internationale Regeln für die Kriegsführung aufgestellt. Diana Preston erklärt, wie alle Seiten 1915 rasch zentrale rote Linien überschritten und wie sich die Welt in nur sechs Wochen für immer veränderte.
Das Wichtigste in Kürze
- 01Vor 1914 wurden internationale Regeln für die Kriegsführung vereinbart.
- 021915 überschritten alle Seiten auf der Suche nach militärischen Vorteilen rasch zentrale rote Linien.
- 03In sechs Wochen jenes Jahres veränderte sich das Wesen der modernen Kriegsführung für immer.
Aus dem Transkript
Eines der Dinge, die mir beim Schreiben von A Higher Form of Killing auffielen, war, wie das Tempo des technologischen Wandels die bestehenden rechtlichen Rahmen sehr schnell überholte.
Als sich dieser Wettlauf beschleunigte, wurden während des Ersten Weltkriegs tatsächlich über 60 verschiedene Arten von Gas getestet. Und all das war natürlich nach den Abkommen, die alle unterzeichnet hatten, völlig illegal.
Ich denke, das Versäumnis, Kriegsverbrecher am Ende des Krieges ordentlich strafrechtlich zu verfolgen, so schwierig es auch gewesen wäre, hatte durchaus Folgen, die nicht unbemerkt blieben. Schließlich, wenn man in die Zwischenkriegszeit kommt, hat man Hitler, der Bemerkungen über den Völkermord an den Armeniern macht und sagt, nun, wer erinnert sich heute noch an die Armenier?
Wenn man ein U-Boot-Kommandant ist, der befiehlt, einen U-Boot-Torpedo abzufeuern, ist man wahrscheinlich schon getaucht und davongefahren, wenn das Schiff sinkt und Menschen im Wasser ertrinken. Man sieht die Folgen dessen, was geschieht, nicht.
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Musik: Erik Saties Je Te Veux (Klavier/Gesang)
Michael Baker
Willkommen zurück bei Unknown Warriors, mit mir, Michael Baker. Wir erkennen heute sehr viel deutlicher, wie sehr der Erste Weltkrieg in so vielen Bereichen die Spielregeln verändert hat. Doch ein Aspekt dieses Konflikts, der kaum Erwähnung findet, zweifellos überschattet von den Ungeheuerlichkeiten des Zweiten Weltkriegs, ist die ethische und rechtliche Dimension. Denn wie in so vielen anderen Hinsichten hat der erste globale Konflikt auch die anerkannten internationalen Normen der Kriegführung verwandelt, ja, man könnte sagen, mit Füßen getreten. Ethische Grenzen wurden überschritten und bis dahin unvorstellbare Kriegsverbrechen begangen. Diana Preston hat sich diesem Thema in ihrem jüngsten Buch gewidmet, A Higher Form of Killing, mit dem Untertitel Six Weeks in World War One That Forever Changed the Nature of Warfare. Ich fragte Diana zunächst, ob es in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg international eine Debatte über die Ethik des Krieges gab.
Diana Preston
Ich finde es interessant, sich anzusehen, was die vorherrschende Sicht auf die Kriegführung war, wenn man durch das 19. Jahrhundert geht, als man sich natürlich in einer Zeit erheblichen technologischen Wandels befindet. Und was man da geschehen sieht, ist eine wachsende Sorge über das Wesen der Kriegführung, über die Verwüstung, die die Kriegführung verursacht. Das ist die Zeit nach der Schlacht von Solferino. Man sieht Bestrebungen, die Organisation zu gründen, aus der das Rote Kreuz werden sollte. Man sieht, wie Friedensbewegungen an Fahrt gewinnen. Man beginnt, glaube ich, ein allgemeines Verlangen zu sehen nach einer besseren Möglichkeit, irgendeinen Rahmen für die Regelung des Krieges festzulegen, falls er ausbrechen sollte, oder auch danach, Systeme zu entwickeln, die verhindern, dass ein Krieg überhaupt erst ausbricht. Und der Auslöser kam eigentlich mit den Haager Abkommen.
Michael Baker
Die Haager Abkommen von 1899 und 1907 waren die ersten förmlichen internationalen Erklärungen, die sich mit der Art der Kriegführung befassten. Sie lehnten sich stark an einen Kodex an, den Präsident Abraham Lincoln während des Amerikanischen Bürgerkriegs erlassen hatte. Der Burenkrieg mit dem Aufschrei über die britischen Konzentrationslager hatte die Probleme deutlich gemacht, Kombattanten von Zivilisten zu unterscheiden. Daher erörterten beide Haager Konferenzen die Gesetze des Krieges, Kriegsverbrechen und Abrüstung und versuchten erfolglos, ein verbindliches Schiedsgericht zur Beilegung internationaler Streitigkeiten einzurichten.
Diana Preston
Die Haager Konferenzen standen für eine internationale Entschlossenheit, der Kriegführung irgendeine Art von Rahmen aufzuerlegen, falls ein Krieg ausbrechen sollte. Aber, und das ist sehr wichtig, sie betrachteten auch, wie man tatsächlich verhindern könnte, dass es überhaupt zu einem Krieg kommt. Man findet also in dieser Zeit, was vielleicht ironisch ist, wenn man sieht, was 1914 über die Welt hereinbrechen sollte, aber man sieht, dass viel Nachdruck auf Schiedsverfahren gelegt wird, wenn es zwei gegnerische Seiten gibt, um den Ausbruch von Feindseligkeiten zu verhindern. Aber auf den Konferenzen sprach man auch darüber, was in der Kriegführung zulässig war. Zum Beispiel war es nicht zulässig, ein anderes Land ohne Vorwarnung anzugreifen. Man musste dies gebührend ankündigen. Sie gaben Erklärungen ab, zum Beispiel zum Einsatz erstickender Gase. Ich meine, etwas, das die Menschen tatsächlich schon seit der Antike beschäftigt hatte. Durfte man im Krieg schädliche Substanzen einsetzen? War das moralisch jemals gerechtfertigt? Und die Haager Konferenzen kamen zu der Aussage: Nein, unter keinen Umständen durfte das getan werden. Die Haager Konferenzen betrachteten auch die Lage im Hinblick auf eine neue Technologie, den Angriff aus der Luft, die Bombardierung aus der Luft, und verknüpften dies damit, dass es tatsächlich unzulässig war, Zivilisten anzugreifen. Man durfte Zivilisten nicht wahllos aus der Luft bombardieren. Aber im Grunde war die Idee der Konferenzen, glaube ich, bestimmte Arten von Waffen inakzeptabel zu machen und ganz sicher wahllose Angriffe auf Zivilisten inakzeptabel zu machen und vor allem zu verhindern, dass es überhaupt zu einem Krieg kommt.
Michael Baker
Wie reagierten die Regierungen also auf die Haager Konferenzen?
Diana Preston
Die meisten derjenigen, die teilnahmen, unterzeichneten tatsächlich. Es gab viel Zynismus dabei. Ich meine, man kann sich Leute auf britischer Seite ansehen, wie Admiral Jackie Fisher, der teilnahm, und seine Ansicht war, dass, wissen Sie, von zivilisierter Kriegführung zu reden, dummes Zeug sei. Er sagte, wenn ein Krieg ausbricht, werde ich, wissen Sie, alles tun, was ich kann, um den Krieg zu einem raschen Ende zu bringen, mit dem Sieg auf meiner Seite. Er hielt das alles einfach für Unsinn. Und auch der Kaiser stand den Grundsätzen, die den Haager Abkommen zugrunde lagen, äußerst ablehnend gegenüber. Er sagte, ich mache mit, ich beteilige mich an dieser besonderen Farce, ich tanze bei diesem Walzer mit, aber ich werde meine Hand fest an meinem Dolch behalten. Es gab also viele Lippenbekenntnisse.
Michael Baker
Bezeichnenderweise versäumten es 1908, während des sich beschleunigenden britisch-deutschen Wettrüstens, auf einer in London abgehaltenen Marinekonferenz sowohl Großbritannien als auch die Vereinigten Staaten, neue Regeln zu ratifizieren, die strenger festlegten, was Marinen nicht tun durften, etwa Handelsschiffe ohne Vorwarnung zu versenken. Doch keine dieser Zusammenkünfte vor dem Krieg hätte die Art von raschem technologischem Wandel in der Kriegführung vorhersehen können, der mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit voller Wucht heranrollen sollte.
Diana Preston
Eines der Dinge, die mir beim Schreiben von A Higher Form of Killing auffielen, war, wie das Tempo des technologischen Wandels die bestehenden rechtlichen Rahmen sehr schnell überholte. Und natürlich erhielten diese neuen Technologien, während sie sich entwickelten, zusätzlichen Auftrieb durch die Notwendigkeit, im Ersten Weltkrieg die Dinge voranzubringen. Sie wurden als Lösung für ein Problem gesehen, besonders wenn man sich die Kriegsziele der deutschen Obersten Heeresleitung ansieht. Denn der Erste Weltkrieg sollte sich nicht als Zermürbungskrieg hinziehen, wie er es, wie wir natürlich alle wissen, getan hat. Er sollte sehr schnell vorbei sein, weil deutsche Armeen in einem, ich nehme an, so würden wir es heute nennen, Blitzkrieg durch Belgien nach Frankreich durchbrechen und den Krieg sehr schnell beenden würden. Alle Ziele würden auf kurze, schnelle Weise erreicht. Aber als das natürlich nicht geschah, als man sieht, wie sich die Dinge festfahren, wie der deutsche Vormarsch bei Mons und an der Marne und in der Ersten Ypernschlacht aufgehalten wird, haben wir eine Linie von Schützengräben, die sich 450 Meilen bis zur Kanalküste erstreckt, beide Seiten festgefahren. Es wurde vorrangig, einen Weg zu finden, die Lage aufzubrechen. Und in dieser Zeit sieht man, wie besonders in Deutschland die Leute beginnen, sich den neuen Technologien zuzuwenden, damit sie eine Lösung liefern, damit die Dinge in Bewegung kommen.
Michael Baker
General Erich von Falkenhayn, ab September 1914 Chef des deutschen Generalstabs, suchte aktiv nach neuen Waffen, die den Stillstand an der Westfront durchbrechen könnten. Er wandte sich an Deutschlands führende chemische Industrie und insbesondere an den 46-jährigen Fritz Haber, einen künftigen Nobelpreisträger für Chemie und damals Direktor des renommierten Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts.
Diana Preston
Haber hatte sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg durch Arbeiten zur Synthese von Ammoniak hervorgetan, um stickstoffbasierte Düngemittel herzustellen, was einen enormen Unterschied für Deutschlands Fähigkeit machte, selbst Nahrungsmittel anzubauen. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, begann die Idee zu kursieren, dass sich vielleicht mit erstickenden Gasen etwas machen ließe. Haber machte sich ans Werk und verfiel ziemlich rasch auf die Idee, Chlorgas einzusetzen, und das so schnell, dass er im Frühjahr 1915 bereit war, das Gas beim ersten Angriff zum Einsatz zu bringen, bei dem alle abwarteten, wie die Wirkung sein würde.
Michael Baker
Wie versuchte Haber, den Einsatz von Giftgas zu rechtfertigen, einem seit Langem bestehenden Tabu der Kriegführung, das von den Haager Abkommen ausdrücklich verboten war?
Diana Preston
Haber hatte eindeutig gewisse Schwierigkeiten, es mit sich selbst in Einklang zu bringen, bevor er sich an die Aufgabe machte, und das sieht man auch an seinen Ratschlägen an junge Wissenschaftler, die er für sein Team gewinnen wollte. Und das Argument, das er ihnen gegenüber vorbrachte, und das, denke ich, das Argument ist, von dem er sich selbst überzeugte, war, dass dies für den Feind psychologisch so schädlich wäre und so überwältigend, es würde solche Angst und Panik auslösen, dass es den Gegner tatsächlich völlig kampfunfähig machen würde. Sie würden einfach zusammenbrechen, sich weigern, noch weiterzumachen. Das würde den Krieg schnell beenden. Daher ist es das alte Argument, wissen Sie, den Krieg schnell zu beenden und die Leben zu retten, die sonst verloren gegangen wären. Und ich glaube, er hat sich wirklich dazu gebracht, das zu glauben.
Michael Baker
Ironischerweise zögerten die meisten deutschen Befehlshaber zunächst, Giftgas einzusetzen, da sie es als unehrenhaft und unritterlich betrachteten. Dennoch starteten die Deutschen am 22. April 1915 gegen 17 Uhr ihren ersten Chlorgasangriff an der Westfront und schickten Wolken gelbgrünen Dampfes über französische, algerische, kanadische und britische Truppen, die entlang einer vier Meilen breiten Front im Frontbogen von Ypern eingegraben waren. Das Ergebnis war verheerend, als die Männer rasch überwältigt wurden, würgten, Blut spuckten, sich vor Qualen auf dem Boden wälzten, unfähig zu atmen, als ihre Lungen vollliefen. Die alliierte Presse wetterte empört gegen die deutsche Barbarei.
Diana Preston
Und oft wurde das deutsche Wort bemüht, Schrecklichkeit, „frightfulness“. Es gab eine Debatte darüber. In der Diskussion fielen die Worte „verkommene Kriegführung“.
Michael Baker
Kaum eine Woche nach dem ersten deutschen Chlorgasangriff erschoss sich Habers Frau Clara, wie es scheint, aus Protest. Das hielt ihn nicht ab, und die Deutschen verteidigten ihr Vorgehen standhaft mit der Behauptung, die Haager Abkommen sagten nichts über Gaswolken, im Gegensatz zu Gasgeschossen. Trotz all ihrer öffentlichen Proteste entging dieser Punkt insgeheim dem britischen Kabinett nicht, das beschloss, Vergeltung zu üben. Es dauerte nicht lange, bis beide Seiten Gasmörser erfunden hatten, dann hochexplosive Gasgranaten. Eine rote Linie war überschritten und die Büchse der Pandora weit aufgerissen worden.
Diana Preston
Erster Einsatz von Chlorgas durch die Deutschen im April 1915. Im September desselben Jahres hat man dann die Briten, die in Nordfrankreich Chlorgas erproben. Es wurde zu einer Art Aufholjagd, nehme ich an. Fritz Haber und sein Team in Deutschland suchten nach immer wirksameren Arten von Gas. Das nächste, auf das sie kamen, das nächste bedeutende Gas, war Phosgen, das die Deutschen Ende 1915 einsetzen. Aber bis Februar 1916 haben wir die Alliierten, die bereit sind, mit ihrer eigenen Version von Phosgengas zu antworten. Das nächste bedeutende Gas, das entwickelt wurde, war Senfgas. Man sieht, wie Deutschland es 1917 einsetzt, ein Gas mit verheerenden Wirkungen, das Blasen auf der Haut verursacht, schreckliche Nebenwirkungen, für viele tödlich. Die Alliierten waren bis 1918 bereit, Senfgas einzusetzen. Aber das sind natürlich die drei Arten von Gas, von denen wir alle wissen. Als sich dieser Wettlauf beschleunigte, wurden während des Ersten Weltkriegs tatsächlich über 60 verschiedene Arten von Gas getestet. Und all das war natürlich nach den Abkommen, die alle unterzeichnet hatten, völlig illegal.
Michael Baker
Etwas mehr als zwei Wochen nach dem ersten Einsatz von Giftgas wurde eine weitere rote Linie überschritten. Am 7. Mai 1915 feuerte vor der Küste Südirlands ein deutsches U-Boot einen Torpedo ab, der den Passagierdampfer Lusitania traf, der von New York nach Liverpool unterwegs war. Innerhalb von 18 Minuten sank das riesige Schiff, wobei 785 Passagiere und 413 Besatzungsmitglieder ums Leben kamen.
Diana Preston
Die Regeln für die Seekriegführung reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück, und sie hatten sich seitdem nicht geändert. Sie waren in den Haager Abkommen bestätigt worden, waren nicht verändert worden. Und im Grunde besagten diese Regeln, die als Kreuzerregeln bezeichnet wurden, dass man ein Handelsschiff nicht ohne Vorwarnung angreifen durfte. Wenn man ein Handelsschiff verdächtigte, Konterbande zu befördern, besagten die Regeln, dass man dieses Schiff anhalten und anrufen musste. Man musste an Bord gehen, prüfen, was sich im Laderaum befand. Wenn man Konterbande fand, hatte man dann das Recht, das Schiff und das, was an Bord war, zu beschlagnahmen, möglicherweise das Schiff zu zerstören, aber nicht, bevor man allen an Bord die Gelegenheit gegeben hatte, über die Bordwand in die Boote und in Sicherheit zu gelangen. Was man nach den Regeln ganz sicher nicht tun durfte, und genau das geschah 1915, war, ohne Vorwarnung einen Passagierdampfer anzugreifen.
Michael Baker
Der Hintergrund hier war Großbritanniens Seeblockade deutscher Häfen, die deutsche Handelsschiffe faktisch daran hinderte, überhaupt in See zu stechen. Die Deutschen behaupteten, die Blockade sei illegal. Ihnen war durchaus bewusst, dass Angriffe auf die Handelsschifffahrt durch den uneingeschränkten U-Boot-Krieg gegen die Haager Abkommen verstießen, doch in deutschen Militärkreisen wurde dies, genau wie Giftgas, als legitimes Mittel gesehen, sich einen Vorteil zu verschaffen.
Diana Preston
Und natürlich war die Lusitania ein ikonisches Beispiel dieser Handelsschifffahrt, die noch immer die Transatlantikroute zwischen New York und ihrem Heimathafen Liverpool befuhr. Und wenn man sich die Logbücher von U-Boot-Kommandanten aus dieser Zeit ansieht, sieht man, dass nicht nur der Kommandant des U-Boots, das die Lusitania tatsächlich angriff, sondern auch andere Kommandanten auf anderen U-Booten, dass sie in jenem Frühjahr alle nach der Lusitania Ausschau hielten. Es war ein bestimmtes U-Boot, das zufällig Glück hatte. Aber in den Augen der deutschen Obersten Heeresleitung galt sie als begehrtes und legitimes Ziel. Indem man zeigte, dass sie angegriffen werden konnte, war das eine Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen, zu zeigen, dass der uneingeschränkte U-Boot-Krieg etwas war, mit dem das deutsche Militär wirklich eine Wirkung erzielen wollte.
Michael Baker
Und Wirkung hatte es. Die Versenkung der Lusitania zog weltweite Verurteilung nach sich. Britische Schlagzeilen sprachen vom grässlichsten Verbrechen der Hunnen, und im ganzen Land brachen Unruhen aus, die sich gegen deutsche Wohnhäuser und Geschäfte richteten. Die französische Presse erklärte, die Scheidung der Deutschen von der Zivilisation sei nun vollständig. In Amerika, das auf dem todgeweihten Dampfer 128 seiner Bürger verloren hatte, war die Reaktion ebenso feindselig, und der Boston Globe nannte die Versenkung das schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das die moderne Welt gekannt habe.
Diana Preston
Als die Lusitania angegriffen wurde, gab es weltweit einen gewaltigen Aufschrei. Die meisten neutralen Länder, darunter natürlich die Vereinigten Staaten, verurteilten den Angriff. Man erlebte also eine deutsche Oberste Heeresleitung, das deutsche Militär, die anfing, Ausreden dafür vorzubringen, warum die Lusitania angegriffen worden war, mit der Behauptung, sie sei nicht das gewesen, was sie zu sein schien, schlicht ein ziviles Schiff. Aber wir stellen auch fest, dass es eine Zeit gab, in der Deutschland vom uneingeschränkten U-Boot-Krieg abrückte. Natürlich muss man bedenken, dass diese Entscheidungen sehr oft ganz oben getroffen wurden, von keinem Geringeren als dem Kaiser.
Michael Baker
Wie auch immer die Sicht des deutschen Militärs war oder der triumphierende Ton der deutschen Presse bei der Berichterstattung über die Versenkung der Lusitania, der Kaiser selbst schwankte, was Angriffe auf die Handelsschifffahrt betraf, hin und her, aus Furcht, sie könnten insbesondere die Vereinigten Staaten gegen Deutschland aufbringen.
Diana Preston
Der Kaiser war darüber besorgt. Ich glaube, das war auch die deutsche Zivilregierung, insbesondere Reichskanzler Bethmann Hollweg. Wenn man die Akten in den deutschen Archiven liest, sieht man einen sehr erbitterten, zeitweise sehr angespannten Austausch zwischen ihm als Kanzler und Leuten im deutschen Militär, wobei er sagt, wissen Sie, wir müssen sehr vorsichtig sein, wir müssen davon abrücken, Sie verstehen die politischen Folgen dessen nicht, was Sie da tun. Aber wie Sie sagen, das Bewusstsein für den sich zuziehenden Würgegriff der Blockade, die die Alliierten verhängten, das war ein Faktor in den Überlegungen. Man hat also eine Phase, in der der uneingeschränkte U-Boot-Krieg weiterging, man hat weitere Schiffe, die angegriffen werden, weitere zivile Leben, die verloren gehen, eine Zeit lang eingestellt, dann hat man seine Wiederaufnahme, und als er mit dem Verlust weiterer Schiffe und insbesondere einiger amerikanischer Leben tatsächlich wieder aufgenommen wurde, erwies sich das vielleicht als der Tropfen, der für Präsident Wilson in den Vereinigten Staaten das Fass zum Überlaufen brachte, war einer der Gründe, warum die Vereinigten Staaten 1917 in den Krieg eintraten.
Michael Baker
Am 10. Mai 1915, dem Tag der ersten Massenbeerdigungen von Opfern der Lusitania im südirischen Hafen Queenstown, warf ein deutscher Zeppelin Brandbomben auf Southend ab. Die Stadt wurde am 26. Mai ein zweites Mal bombardiert. Bei den beiden Angriffen wurden insgesamt vier Zivilisten getötet und fünf weitere verletzt. Dies waren in Wirklichkeit lediglich Versuche zur Vorbereitung eines viel größeren Angriffs auf London.
Diana Preston
Das erste Mal, dass die Technik so weit war, dass man bis nach London gelangen konnte, aber auch, was im Hintergrund geschehen war, natürlich, wir müssen immer daran denken, da war der Kaiser. Der Kaiser mochte London recht gern, und er hatte ambivalente Gefühle gegenüber seinen britischen Verwandten, von denen einige dort lebten, aber die deutsche Oberste Heeresleitung brauchte ziemlich lange, um den Kaiser zu überreden, die Bombardierung der britischen Hauptstadt tatsächlich zu erlauben. Als es dann also geschah, war das ein ziemlich bedeutender Einschnitt.
Michael Baker
In der Nacht des 31. Mai 1915 warf der Zeppelin LZ-38 über London, überwiegend über dem East End, 91 Brandbomben und 28 Sprengbomben ab. Sieben Zivilisten wurden getötet, vier davon Kinder, und 35 verletzt. Diese ersten Luftangriffe, stets bei Nacht, legten auf brutale Weise die Verwundbarkeit der Zivilbevölkerung gegenüber Bombenangriffen aus der Luft offen.
Diana Preston
Man kann sich die Wirkung auf die Londoner Bevölkerung in jener Nacht vorstellen, als dieses silbrige, zigarrenförmige Ding gesehen wurde, wie es über der Stadt schwebte und anfing, wahllos hochentzündliche Brandbomben auf die Bevölkerung darunter abzuwerfen. Und von da an hat man Menschen, die sehr verunsichert sind, weil der Tod plötzlich vom Himmel fallen konnte, überall, zu jeder Zeit. Wie wir es bei der Wirkung von Gas auf dem Schlachtfeld besprochen haben, um den feindlichen Soldaten zu demoralisieren, wurde auch die Bombardierung der Zivilbevölkerung aus der Luft wieder als etwas psychologisch Wichtiges gesehen, als etwas, das demoralisiert.
Michael Baker
Es gab weitverbreitete Empörung darüber, dass die Deutschen Angriffswaffen gegen wehrlose Zivilisten eingesetzt hatten. Um Panik zu verhindern und von dem Mangel des Landes an wirksamer Abwehr abzulenken, spielte die britische Regierung den Angriff auf London herunter und zensierte sogar Berichte in der Presse. Die Deutschen versuchten zu behaupten, sie hätten die Londoner Docks als Vergeltung für einen französischen Luftangriff auf die Stadt Ludwigshafen bombardiert. Tatsächlich hatten die Franzosen eine Munitionsfabrik ins Visier genommen, die Giftgas herstellte. Von nun an wurden Zeppelinangriffe auf London und andere britische Städte häufiger, wobei Dutzende Zivilisten getötet und Hunderte verletzt wurden. Als Reaktion darauf verbesserte sich die britische Luftabwehr, und deutsche Luftschiffe wurden bald abgeschossen. Bis 1917 setzten beide Seiten Langstreckenbomber über feindlichen Städten ein, wobei zum Beispiel Zivilisten in London die Nacht über in Kellern und U-Bahn-Stationen schliefen, in Szenen, die sehr viel eher an den Zweiten Weltkrieg erinnern.
Diana Preston
Es ist interessant, wenn man vergleicht, was beim Giftgas geschah, wo man sehr schnell sieht, wie Gleiches mit Gleichem beantwortet wird, Deutschland entwickelte eine bestimmte Art von Gas, so schnell es konnte, die Alliierten ebenso. Wenn man sich ansieht, was bei der Bombardierung aus der Luft geschah, war es eigentlich nicht so, aber ich denke, was man sah, waren weniger Bedenken, weniger Unterscheidung bei der Wahl der Ziele, dass, wenn es Kollateralschäden geben sollte, wenn man, sagen wir, eine Rüstungsfabrik oder einen strategischen Ort bombardierte, wenn dabei auch Zivilisten leiden sollten, nun, dann sei es eben so. Das war nur gerecht, denn schließlich, man sehe sich an, was mit der eigenen Bevölkerung geschah. Wenn man so will, sieht man also den Beginn eines, kann man es so nennen, ziemlichen moralischen Niedergangs, eines moralischen Abstiegs, aber nicht ganz im selben Ausmaß wie beim Gas.
Michael Baker
Da die Bombardierung von Zivilisten aus der Luft ebenso wie der Einsatz von Giftgas und die wahllose Versenkung von Handelsschiffen nach den Haager Abkommen allesamt illegal waren, fragte ich mich, ob die siegreichen Alliierten am Ende des Krieges versucht hatten, ihre Feinde zur Rechenschaft zu ziehen.
Diana Preston
Ja, das ist eine sehr interessante Frage, denn es gab ein enormes Verlangen, sicherlich in der britischen Öffentlichkeit, dass sichtbar irgendeine Art von Vergeltung geübt würde. Und natürlich der populäre Slogan „Hängt den Kaiser“, und sogar der König, der sagte, er betrachte seinen Cousin als einen der größten Kriegsverbrecher, die es je gegeben habe. Als die Alliierten auf der Konferenz von Versailles zusammenkamen, erörterten sie die Frage der Kriegsverbrechen. Und man einigte sich damals darauf, dass der Kaiser, falls er aus Holland ausgeliefert werden könnte, denn zu diesem Zeitpunkt war er nach Amerongen ins Exil gegangen, falls die Niederländer bereit wären, seine Auslieferung zuzulassen, vor Gericht gestellt werden sollte. Und man einigte sich auch darauf, dass Personen, gegen die schwere Anschuldigungen wegen Kriegsverbrechen vorlagen, vor Militärgerichten der Prozess gemacht werden sollte. Doch in Wirklichkeit geschah nicht sehr viel. Der Kaiser wurde natürlich nie aus Holland ausgeliefert, obwohl er, was recht interessant ist, in den letzten Phasen des Krieges selbst sehr besorgt war, dass man ihm wegen Kriegsverbrechen den Prozess machen würde, und besonders besorgt war, dass die Versenkung der Lusitania eines der Verbrechen sein würde, die man ihm vorwerfen würde. Was den breiteren Kreis von Personen betrifft, die sich vor Gericht hätten wiederfinden können, waren es am Ende wirklich relativ wenige, und sie erschienen überhaupt nicht vor Militärgerichten. Einigen Leuten wurde vor einem Gericht in Leipzig der Prozess gemacht, aber im Großen und Ganzen waren die Strafen sehr gering, sehr milde. Man stößt hier auf die Frage, ob man, wenn man den Befehl erhält, etwas zu tun, dadurch unschuldig ist. Wissen Sie, die Verteidigung „Ich habe nur Befehle befolgt“, und wir haben ein Beispiel von einigen deutschen U-Boot-Männern, die auf alliierte Soldaten feuerten, die im Wasser um sich schlugen. Sie wurden vor Gericht gestellt, und sie behaupteten, sie hätten die Befehle ihrer Vorgesetzten befolgt, aber das wurde weder moralisch noch rechtlich als annehmbare Rechtfertigung angesehen, also wurden sie dieses Verbrechens schuldig gesprochen, aber wiederum sehen wir, was auch anderswo geschah, dass die Strafe relativ gering war, und ohnehin entkamen sie nicht lange danach. Ich denke, in den Schwierigkeiten der gesamten Nachkriegsregelung verlief die ganze Sache eigentlich ziemlich im Sande. Es gab Ansichten, sicherlich in manchen Kreisen, dass, natürlich, wenn man als zu hart bei der Erhebung von Anklagen gesehen würde, was das für die eigenen Leute unter künftigen Umständen bedeuten könnte, in denen sie sich, wenn sie auf der Verliererseite stünden, ähnlicher Dinge angeklagt sehen könnten, aber natürlich, ich denke, das Versäumnis, Kriegsverbrecher am Ende des Krieges ordentlich strafrechtlich zu verfolgen, so schwierig es auch gewesen wäre, hatte durchaus Folgen, die nicht unbemerkt blieben. Schließlich, wenn man in die Zwischenkriegszeit kommt, hat man Hitler, der Bemerkungen über den Völkermord an den Armeniern macht und sagt, nun, wer erinnert sich heute noch an die Armenier? Niemand wurde dafür zur Rechenschaft gezogen, und ganz sicher war der Untersuchungsrichter, der eine der offiziellen Anhörungen zum Verlust der Lusitania leitete, sehr verbittert darüber, dass nie jemand für die Versenkung der Lusitania zur Rechenschaft gezogen wurde. Er hielt es für einen sehr schlechten Präzedenzfall und meinte in späteren Jahren, es würde Auswirkungen auf künftige Kriegsverbrechen haben, dass die Menschen das Gefühl hätten, ungestraft handeln zu können.
Michael Baker
Nach dem Krieg wurde die Rechtslage vor 1914 zu Giftgas, zu Angriffen auf die Handelsschifffahrt und zur Bombardierung von Zivilisten auf aufeinanderfolgenden internationalen Konferenzen bekräftigt. In den 1930er-Jahren jedoch wurden all diese Regelungen infrage gestellt. Die Italiener setzten in Abessinien Senfgas ein, die Japaner setzten in der Mandschurei Gas und die Bombardierung von Zivilisten ein, und, berüchtigterweise, legten die Achsenmächte 1937 die spanische Stadt Guernica in Schutt und Asche. Es ist auch erwähnenswert, als ironische Fußnote, dass der Chemiker Fritz Haber, von Geburt Jude, 1919 verkleidet in die Schweiz geflohen war, aus Furcht, die Alliierten würden ihm als Kriegsverbrecher den Prozess machen. Seine Kollegen in Deutschland entwickelten unterdessen ein neues Gas, Zyklon B, nützlich als Insektizid, aber später das wichtigste Tötungsmittel in den Vernichtungslagern der Nazis.
Diana Preston
Wenn man auf die Jahrhunderte zurückblickt, haben die Menschen immer die Wissenschaft auf die Kriegführung angewandt, wo sie dazu in der Lage waren, und natürlich, je technologisch fortgeschrittener man geworden ist, desto mehr Möglichkeiten. Was ich beim Schreiben von A Higher Form of Killing empfand, war, dass das, was wir in diesen sechs Wochen sahen, in diesem schmalen Zeitfenster im Jahr 1915, ein sprunghafter Wandel mit sehr rascher Beschleunigung war, bei dem verschiedene Arten von Technologie alle zu dem Zweck eingesetzt wurden, immer größere Zahlen von Menschen aus immer größerer Entfernung zu töten, man beginnt eine echte Entkopplung zu sehen zwischen dem Täter, der Person, die die Waffe abfeuert, und der Wirkung. Schließlich, wenn man meilenweit oben am Himmel in einem Zeppelin ist, wie einige der Zeppelinkommandanten bemerkten, und Bomben abwirft, bekommt man sehr wenig davon mit, was am Boden geschieht. Wenn man Gas aus Kanistern in Richtung feindlicher Truppen freisetzt, wobei man sich ein oder zwei Meilen hinter der Stelle befindet, an der diese Truppen sind, sieht man die Wirkung davon nicht wirklich. Wenn man ein U-Boot-Kommandant ist, der befiehlt, einen U-Boot-Torpedo abzufeuern, ist man wahrscheinlich schon getaucht und davongefahren, wenn das Schiff sinkt und Menschen im Wasser ertrinken. Man sieht die Folgen dessen, was geschieht, nicht. Ich denke auch, dass das, was in diesen sechs Wochen geschah, etwas war, das uns in unserer eigenen Zeit leider sehr vertraut ist. Man beginnt zu sehen, wie Zivilisten als legitime Ziele in der Kriegführung betrachtet werden, obwohl so etwas natürlich damals völlig illegal war, so wie es das auch heute noch ist.
Michael Baker
Zum Schluss fragte ich Diana, ob sie meine, dass es in jedem einzelnen Fall die Deutschen gewesen seien, die diese roten Linien zuerst überschritten hätten.
Diana Preston
Ich denke, wenn man sich die Abfolge der Ereignisse im Jahr 1915 ansieht, die im Mittelpunkt meines Buches steht, aber auch später im Verlauf des Krieges, denke ich, dass das tatsächlich der Fall ist. Und man kann es auch bis zum eigentlichen Ausbruch des Krieges zurückverfolgen, als Deutschland ohne Vorwarnung durch Belgien einmarschiert, entgegen dem, was auf den Haager Konferenzen vereinbart worden war, und man hat den deutschen Reichskanzler Bethmann Hollweg, der sich im Reichstag erhebt und zu seinen Kameraden sagt, er gebe ganz offen zu, dass Deutschland eine rechtswidrige Tat begangen habe, aber dies sei die Tat, von der er hoffe, dass sie es ihnen ermögliche, den Krieg schnell zu gewinnen, und sie sei daher gerechtfertigt. Bei jeder Gelegenheit, denke ich, kann man zu Recht sagen, dass Deutschland tatsächlich den ersten Schritt getan hat.
Michael Baker
Ich habe mit der Autorin und Historikerin Diana Preston über ihr Buch A Higher Form of Killing, Six Weeks in World War I That Forever Changed the Nature of Warfare gesprochen. Wenn Sie mehr über Dianas Arbeit erfahren möchten, folgen Sie bitte den Links auf meiner Website, www.unknownwarriorspod.co.uk. In der nächsten Folge von Unknown Warriors werde ich einen wenig bekannten Aspekt der Schlacht an der Somme betrachten, nämlich wie das neue Phänomen des Shell Shock (Kriegsneurose) ein krisenhaftes Ausmaß erreichte und was die britische Armee dagegen unternahm. Ich hoffe, Sie sind wieder mit dabei.
Musik: Saties Je Te Veux
Michael Bakers Erzähltext ist kursiv gesetzt. Dieses Transkript wurde automatisch aus der Tonaufnahme erstellt und kann Fehler enthalten. Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt.