100 Jahre danach

mit Heather Jones, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte Europas, University College London

Der wahre Erste Weltkrieg · Folge 01 · 37:40

Britische Soldaten als Silhouetten vor dem Himmel an der Westfront, 1917 (IWM Q2978)
Britische Soldaten als Silhouetten vor dem Himmel an der Westfront, 1917 (IWM Q2978)
0:00 / 37:40

Wie hat sich die Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg seit den 1960er-Jahren verändert?

Die traditionelle britische Sicht auf den Ersten Weltkrieg ist heute stark überholt. Professorin Heather Jones erklärt, wie Fachhistoriker die Forschungslandschaft seit den 1960er-Jahren verändert und dabei ein weit komplexeres und vielfältigeres Bild des Konflikts freigelegt haben.

Das Wichtigste in Kürze

  1. 01Die meisten Historiker lehnen heute das Bild der „Löwen, von Eseln geführt“ ab: Die Armeen durchliefen zwischen 1914 und 1918 eine echte Lernkurve.
  2. 02Die „Kriegsbegeisterung“ von 1914 beschränkte sich auf kleine Gruppen wie junge männliche Studenten; die meisten Menschen nahmen den Krieg widerwillig hin.
  3. 03Die Zivilbevölkerung war tief betroffen: Besatzung, Internierung, Luftangriffe, 12 Millionen Flüchtlinge und der Völkermord an den Armeniern.

Aus dem Transkript

15:10
Michael Baker

Eine lange gehegte, populäre Vorstellung über den Krieg war, dass sein Ausbruch 1914 in den kriegführenden Nationen mit allgemeiner Begeisterung und patriotischem Eifer begrüßt wurde… Dieses Bild eines weit verbreiteten Hurrapatriotismus ist inzwischen eindeutig widerlegt.

15:38
Heather Jones

Ich glaube nicht, dass irgendwelche Historiker heute wirklich die Vorstellung akzeptieren, dass die europäischen Bevölkerungen sich in den Krieg stürzten und sich freuten, Krieg zu haben, oder auf einen Krieg drängten. Was wir jetzt sehen, ist ein besseres Verständnis dafür, welche Teile der Bevölkerungen Krieg wollten.

19:20
Heather Jones

Wir sehen die Generäle nicht mehr so, dass sie einfach immer und immer wieder dasselbe tun, ich meine, diese Art von Blackadder-Sketch. Das wird jetzt durch die Arbeit von Gary Sheffield, Jonathan Boff und anderen zu dieser Lernkurve innerhalb von Armeen sehr stark widerlegt.

26:48
Heather Jones

Das führte zu einer Vernachlässigung und einem Vergessen, wenn man so will, des Ausmaßes, in dem Zivilisten tatsächlich in den Ersten Weltkrieg hineingezogen wurden, im Ersten Weltkrieg getötet wurden, durch den Ersten Weltkrieg vertrieben wurden.

Das vollständige Transkript lesen →

Vollständiges Transkript

6.070 Wörter · 26 Min. Lesezeit
Das vollständige Transkript lesen

Musik: Erik Saties Je Te Veux (Klavier/Gesang)

Michael Baker

In Cambridge gibt es ein Kriegerdenkmal, das direkt vor dem Botanischen Garten an der Hills Road steht. Es heißt „The Homecoming“ und zeigt auf einem behauenen Steinsockel eine etwas überlebensgroße Bronzefigur eines jungen britischen Tommys des Cambridge Regiment. Der Tommy ist mitten im Schritt, barhäuptig, den Helm in der Hand, das Gewehr lässig über die Schulter gehängt. Auf seinem Rücken hängt neben dem Tornister ein Lorbeerkranz des Sieges, der einen deutschen Helm umschließt, eine Kriegstrophäe. Unser Soldat wirkt still selbstbewusst und entschlossen, und sein Kopf ist zur Seite gedreht, sein Blick auf den nahe gelegenen Bahnhof gerichtet, wo er, so stellt man sich vor, gerade aus dem Krieg zurückgekehrt ist. Dieser Blick zurück ist vielleicht auch eine feierliche Würdigung derer, die nicht mit ihm zum Bahnhof zurückgekehrt sind.

Musik: Saties Je Te Veux

Michael Baker

„The Homecoming“ wurde 1922 enthüllt, vier Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, und es ist ein Denkmal nicht für die Gefallenen, sondern, wie es in der Inschrift heißt, für diejenigen, die im Krieg gedient haben. Es ist, offen gesagt, eine Feier des Sieges und erinnert uns daran, dass dies für die Generation, die den Großen Krieg ausfocht, ein Konflikt war, der 1918 damit endete, dass die Alliierten die Mittelmächte besiegten: Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich. Auf den Waffenstillstand jenes Jahres folgten in ganz Großbritannien drei Tage lang Feiern auf den Straßen. Im Juli 1919, kurz nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Versailles, fand in London eine riesige Siegesparade statt. Erbeutete deutsche Geschütze wurden zur Schau gestellt, und der Tag gipfelte in einem prächtigen Feuerwerk im Hyde Park. Erst in den späteren 1920er-Jahren verlor der Waffenstillstandstag allmählich seinen festlichen Charakter und wurde zu einem Datum des ernsten Gedenkens an die Gefallenen.

Musik: Saties Je Te Veux

Michael Baker

Ich will Ihnen natürlich nicht einschärfen, dass wir den Ersten Weltkrieg gewonnen haben. Es geht vielmehr darum, dass das heute vorherrschende britische Narrativ von 1914-18 ein sehr spezielles ist, das sich tendenziell auf die Toten und die Sinnlosigkeit des Ganzen konzentriert und eine Generation als glücklose Opfer darstellt statt als Menschen ihrer eigenen Zeit und ihres eigenen Ortes. Selbst das jüngste Gedenken zum hundertsten Jahrestag, so einfallsreich es oft war, tat sich schwer, von diesen traditionellen Anklängen loszukommen, doch diese haben immer weniger mit dem zu tun, was professionelle Historiker heute über den Konflikt wissen und verstehen. Viele von ihnen legten zum hundertsten Jahrestag neue Bücher vor, die, gestützt auf jahrelange Forschung und neue Quellen, zeigten, dass der Erste Weltkrieg insgesamt seltsamer, komplexer und in jeder Hinsicht moderner war, als man uns hat glauben lassen. Diese Bücher waren oft gewichtig, meist teuer und hatten größtenteils eine begrenzte Reichweite. Meistens kamen und gingen sie. Das erscheint mir als schreckliche Verschwendung. Sie verdienen ein breiteres Publikum. In dieser zehnteiligen Podcast-Staffel spreche ich mit einigen dieser Historiker des hundertsten Jahrestags, um herauszufinden, wie sie dem Ersten Weltkrieg neues Leben eingehaucht haben. Ich erhebe keinen Anspruch auf eine endgültige Darstellung, die von mir gewählten Themen sind ziemlich eklektisch, aber sie decken ein breites Spektrum ab. Was dabei herauskommt, ist ein ganz anderes Bild dieses ersten globalen Konflikts als das, an das wir so lange gewöhnt waren.

Michael Baker

In diesem ersten Podcast habe ich mit Heather Jones gesprochen, Professorin für Neuere und Neueste Europäische Geschichte am University College London. Ihr wichtigstes Forschungsgebiet ist der Erste Weltkrieg, und ihr Wissen darüber, was zu diesem Thema geschrieben wurde, ist enzyklopädisch. Ich fragte Heather zunächst: Was war der Hintergrund der aktuellen Arbeiten über den Krieg? Wie hatten Historiker den Konflikt, grob gesagt, seit den 1960er-Jahren gesehen? Das heißt, etwa seit der Zeit des 50. Jahrestags, als die ernsthafte akademische Forschung zu diesem Thema in Großbritannien in Schwung kam.

Heather Jones

Im Vereinigten Königreich dreht sich die Debatte in den 60ern wirklich um die Rolle der Generäle. Also besonders um die Rolle von Haig, wie groß sein Handlungsspielraum während des Krieges tatsächlich war, was die strategischen Entscheidungen angeht, die er traf, ob es wirklich ein Fall von „Löwen, von Eseln geführt“ war. Das wäre die zentrale Diskussion im Vereinigten Königreich, und es ist ziemlich interessant, dass es dazu in anderen europäischen Ländern keine Parallele gibt.

Michael Baker

General Sir Douglas Haig war von Dezember 1915 bis zum Ende des Krieges britischer Oberbefehlshaber an der Westfront. Er ist eine umstrittene Figur wegen der hohen britischen Verluste bei wichtigen Offensiven wie an der Somme und bei Passchendaele. 1961 verlieh Alan Clarks Buch The Donkeys, ein vernichtender Angriff auf die britische Führung an der Westfront, der Vorstellung neuen Auftrieb, die britischen Tommys seien „Löwen, von Eseln geführt“.

Heather Jones

Großbritannien ist nach wie vor von der Rolle seiner Generäle im Ersten Weltkrieg besessen, und zwar in einer Weise, die wir für Frankreich oder für Deutschland oder Italien wirklich nicht sehen. Das ist in der britischen Militärgeschichte noch sehr stark eine laufende Diskussion, und auch das wäre etwas gewesen, das in der Debatte der 60er sehr präsent war. In den 60ern und 70ern gibt es eine sehr starke Hinwendung zur Sozialgeschichte, besonders in Deutschland zur Geschichte von unten, sodass die Geschichte des einfachen Soldaten zu einem wirklich prominenten Teil der Diskussion wird. Im Vereinigten Königreich machen Figuren wie John Keegan etwas Ähnliches mit seinem Buch The Face of Battle – eine der Schlachten, die es untersucht, ist die Somme – und Leute wie Martin Middlebrook. Es hat also diese Verschiebung hin zur Sozialgeschichte gegeben. Das andere zentrale Element, das in den 60ern und auch in den 70ern in den Vordergrund rückt, ist diese Diskussion um die Rolle der Kriegsdichter im Vereinigten Königreich. In dieser Zeit gibt es ein sehr starkes Wiederaufleben des Interesses an Figuren wie Wilfred Owen, zum Teil verbunden mit der Antikriegsbewegung, der Bewegung gegen den Vietnamkrieg, gesellschaftlichen Veränderungen, die sich ganz allgemein in der Gesellschaft rund um Themen wie Atomwaffen vollziehen. Aus dieser Diskussion heraus gibt es auf internationaler Ebene auch Stimmen wie Paul Fussells Werk, The Great War and Modern Memory. In der Zeit der 60er/70er sieht man allmählich die Anfänge dieser Idee, die Erinnerung an den Krieg zu betrachten und wie an den Krieg erinnert wird und was das eigentlich für Gesellschaften bedeutet. Auch das ist etwas, das unseren hundertsten Jahrestag und unsere Diskussionen zum hundertsten Jahrestag geprägt hat, denn die Erinnerungsforschung und die Idee, wie an den Ersten Weltkrieg erinnert und seiner gedacht wird, ist seit den 1990er-Jahren zu einem riesigen Interessengebiet für Historiker geworden. Viele der Ursprünge unserer eigentlichen aktuellen Debatten liegen also in den 60ern. Es ist nicht so, dass das alles überholt wäre, sondern diese Debatten haben zu diesem Zeitpunkt begonnen und sich bis in die Gegenwart weiterentwickelt.

Michael Baker

Eine der zentralen, andauernden Debatten über den Krieg betrifft seine Ursprünge: Wie hat er begonnen, und wer hat ihn begonnen?

Heather Jones

Die Fischer-Kontroverse war 1961 mit Fritz Fischers Buch über, im Grunde, die deutsche Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs losgegangen, für das er zuvor unzugängliche Archive in der DDR genutzt hatte. Und die war Mitte der 60er wirklich in vollem Gange. Fischer stieß beim deutschen historischen Establishment auf starken Widerstand; viele dort fanden es unzutreffend, dass er Deutschland eine Schlüsselrolle bei der Verursachung des Ersten Weltkriegs zuschrieb, und akzeptierten nur, dass Deutschland für den Zweiten verantwortlich war. Als wir dann bei den frühen 2000er-Jahren angekommen waren, war der Konsens, dass es ein österreichisch-ungarisches und deutsches Handeln war, das den Ersten Weltkrieg verursachte. Es gibt eine gewisse Debatte darüber, wie man die Verantwortung zwischen diesen beiden Staaten verteilen würde, aber sie wurden ganz klar als die Schuldigen angesehen, mit einem besonderen Schwerpunkt auf Deutschland, wobei die Arbeit von Figuren wie Annika Mombauer die Rolle Helmuth von Moltkes dabei hervorhob, dass es zum Ersten Weltkrieg kam.

Michael Baker

Helmuth von Moltke war in den Jahren vor dem Kriegsausbruch im August 1914 Chef des deutschen Generalstabs. Annika Mombauers Arbeit zeigt, dass von Moltke einen kriegerischen und konfrontativen Kurs förderte, der die Ereignisse entscheidend beeinflusste.

Heather Jones

Und dann hatten wir die Arbeit von Christopher Clark, die wirklich die Rolle Serbiens wieder ins Bild gebracht hat, die Rolle Russlands, Serbiens als eines sehr zerrissenen Staates, und dieses Fragezeichen hinter Russland. Wir hatten auch neue Arbeiten von Dominic Lieven über Russland und dieses Gefühl, dass Russland so etwas wie ein Rätsel ist, dass Historiker Russland wirklich übersehen hatten, zum Teil wegen des Zugangs zu Archiven und anderer Probleme, die aber wirklich diese russische Entscheidung zur Teilmobilmachung einbeziehen und wie sie den deutschen Entscheidungsprozess radikalisiert. Ich denke, das ist jetzt auch wieder ins Bild gerückt. Ich denke also, wo wir jetzt stehen, ist eine gewisse Meinungsverschiedenheit unter Historikern darüber, worin genau die Schuld jedes einzelnen Staates besteht, wobei sich aber alle einig sind, dass wir uns jetzt die Entscheidungsträger und diesen Moment im Juli noch einmal viel genauer ansehen müssen. Ich denke, es gibt einen sehr klaren Konsens, dass der Krieg nicht mehr das Produkt langfristiger struktureller Probleme ist. Dieses alte Argument, das es über den Imperialismus und den Aufstieg des Bündnissystems usw. usw. gab. Ich denke, vieles davon ist inzwischen abgeklungen. Es gibt jetzt einen echten Fokus auf Fehler, die von Entscheidungsträgern gemacht werden, oder auf bewusste Entscheidungen für den Krieg, die im Juli 1914 fielen, und dorthin hat sich, denke ich, die eigentliche Aufmerksamkeit aller verlagert.

Michael Baker

Und ganz allgemein betrachten Historiker jetzt viel genauer die Art kultureller Annahmen, die zeitgenössischen Denkweisen, wenn man so will, die hinter den Entscheidungen von 1914 standen.

Heather Jones

Ja, ich denke, es gibt ein erneutes Interesse an Dingen wie dem Sozialdarwinismus und Haltungen zur rassischen Hegemonie, und auch an Denkweisen rund um die Vorstellung vom Krieg als einer Art existenziellem Überlebenskampf für Staaten. William Mulligan hat also viel gute Arbeit zu den Ursprüngen des Ersten Weltkriegs geleistet, und vielleicht zu den Denkweisen nicht nur 1914, sondern schon lange davor, und dazu, wie wir zu dieser Vorstellung kommen, dass es gewissermaßen notwendig ist zu expandieren und notwendig, mehr Territorium anzuhäufen, um zu versuchen, den Aufstieg des Nationalismus einzudämmen, indem man aufsässige und nationale Minderheiten in den Grenzgebieten rund um den eigenen Staat eingliedert. Dieses Gefühl, dass das ein Weg ist, mit dem Aufstieg des Nationalismus umzugehen. Also einige wirklich interessante Arbeiten darüber, wie Staaten wie Österreich-Ungarn, das auf dem dynastischen Prinzip beruht, einem Nicht-Nationalstaats-Prinzip, im Innern versuchen, sich der Idee des Nationalismus als Mittel zur Einigung des Volkes zu widersetzen, weil in ihm so viele verschiedene Nationen leben, und wie sie mit einer Ära zurechtkommen, in der Krieg tatsächlich nun rein mit nationalistischen Begründungen geführt und bezeichnet wird. Und es gibt viele wirklich interessante Arbeiten darüber, wie das dynastische Prinzip in dieser Zeit im Niedergang begriffen ist und der Nationalismus im Aufstieg, und wie sich das auf Entscheidungsträger auswirkt.

Michael Baker

Genauer gesagt beginnen Historiker, mächtige und einflussreiche Gruppenkulturen innerhalb einer breiteren Nationalkultur zu untersuchen. Der deutsche Militarismus und die mit ihm verbundenen Werte stehen dabei besonders im Fokus.

Heather Jones

Es gab einige wirklich wertvolle Arbeiten zum Militarismus, und ich denke besonders an Figuren wie Ute Frevert: Ihre Untersuchung der Kasernenkultur in Deutschland und dieser Vorstellung einer Art militärischer Männlichkeit als zentral für den Status innerhalb Deutschlands war sehr wichtig. Sie hat sich auch mit der Ehrkultur beschäftigt, also mit der Vorstellung, dass die eigene militärische Männlichkeit auf Vorstellungen von Ehre beruhte, auf Vorstellungen vom Duell, auf Vorstellungen davon, das Gesicht zu wahren, was uns hilft, den Juli 1914 als eine Art Kraftprobe für deutsche Militaristen zu verstehen, bei der sie nicht zurückweichen konnten. Auch die Arbeit von Isabel Hull war wirklich wichtig, wenn es um diese deutsche Vorstellung geht, Modelle dafür zu haben, wie Krieg geführt werden sollte: also die Vorstellung der konzentrischen Vernichtungsschlacht als Modell für den Schlieffen-Plan, etwas, das vor dem Ersten Weltkrieg in Deutsch-Südwestafrika erprobt und dann 1914 auf den europäischen Kriegsschauplatz übertragen wird.

Michael Baker

Der Schlieffen-Plan war die Antwort des deutschen Militärs auf einen ins Auge gefassten Krieg an zwei Fronten, im Westen gegen Frankreich, im Osten gegen Russland. Mit einem schnellen Präventivschlag war das Ziel, Frankreich in sechs Wochen auszuschalten und so Zeit zu gewinnen, um die deutschen Streitkräfte nach Osten zu verlegen, wo sie den Russen gegenübertreten sollten, bevor diese vollständig mobilisiert hatten. Tatsächlich scheiterte der Plan im September 1914, als britische und französische Armeen die Deutschen an der Marne aufhielten und ihren Vormarsch auf Paris stoppten.

Heather Jones

Aus Hulls Arbeit gewinnen wir einen wirklich starken Eindruck von der Starrheit der Denkweisen deutscher Militaristen und davon, wie diese Identität und diese Art von Glaubenssystem im deutschen Militarismus die Entscheidungsfindung antreibt. In gewisser Weise können wir sehen, dass einige dieser Akteure 1914 bereits Verhaltensweisen ausagieren, die erlernte Verhaltensweisen aus Organisationskulturen innerhalb des deutschen Militärs sind.

Michael Baker

Eine lange gehegte, populäre Vorstellung über den Krieg war, dass sein Ausbruch 1914 in den kriegführenden Nationen mit allgemeiner Begeisterung und patriotischem Eifer begrüßt wurde. All diese Fotos von jubelnden Menschenmengen, langen Schlangen vor den Rekrutierungsbüros und Soldaten, die aus überfüllten Truppenzügen winken. Dieses Bild eines weit verbreiteten Hurrapatriotismus ist inzwischen eindeutig widerlegt.

Heather Jones

Ich glaube nicht, dass irgendwelche Historiker heute wirklich die Vorstellung akzeptieren, dass die europäischen Bevölkerungen sich in den Krieg stürzten und sich freuten, Krieg zu haben, oder auf einen Krieg drängten. Was wir jetzt sehen, ist ein besseres Verständnis dafür, welche Teile der Bevölkerungen Krieg wollten. Wenn man sich also etwa Deutschland ansieht, gibt es dort eine sehr große sozialdemokratische Arbeiterbewegung: Die Sozialdemokraten sind die größte Partei im Reichstag. Sie sind eine Partei der Arbeiterinternationale, sie sind eine Partei von „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“. Krieg ist ein kapitalistisches Unterfangen. Krieg wird von den Eliten, den Arbeitgebern, dazu benutzt, die Arbeiterklasse abzuschlachten. 1914 unterstützen sie den Krieg, sie glauben, dass Deutschland von einem tyrannischen, absolutistischen Russland überfallen wird, das seinen Arbeitern keine Rechte zugesteht. Wir haben jetzt also ein Gespür für einen echten Widerwillen in der deutschen Arbeiterbevölkerung, den Krieg zu akzeptieren, und sie akzeptieren ihn nur mit einer Art Resignation, dass er ausgefochten werden muss, weil Deutschland von Russland überfallen worden ist. Der Teil der Bevölkerung in Deutschland, der, wie wir sehen, tatsächlich ziemlich Feuer und Flamme für den Krieg ist, sind junge männliche Studenten. Der Grund, warum Historiker dachten, es habe in Deutschland Kriegsbegeisterung gegeben, und das in der Vergangenheit auch vertreten haben, war also, dass sie sich Bilder ansahen, Fotos von Mengen junger Männer aus der Mittelschicht, die ihre Hüte schwenkten, begeistert über den Kriegsausbruch. Das ist eine sehr unrepräsentative Gruppe der deutschen Bevölkerung. Junge männliche Studenten waren ein winziger Bruchteil der Bevölkerung, und sie sahen den Kriegsausbruch als Chance, es den Sozialisten im Grunde mal so richtig zu zeigen. Sie marschieren durch sozialistische Stadtviertel, schwenken Fahnen und jubeln darüber, dass all diese Sozialisten jetzt plötzlich tatsächlich für ihr Land kämpfen müssen, und das ist für sie eine Chance zu zeigen, was das wahre Deutschland ist. Diese Quellen zeigen durchaus Begeisterung, aber nur bei einer kleinen Zahl von Menschen. Deutsche Bauern und deutsche Arbeiter sind entsetzt. Dasselbe gilt für Frankreich. In Frankreich rechnete die Regierung damit, dass ein Großteil der Bevölkerung tatsächlich nicht erscheinen würde, wenn sie die Einberufungsbefehle herausgab. Sie waren wirklich ziemlich besorgt, dass die Einberufung nicht funktionieren würde, wenn es Krieg gäbe. 1914 passiert das nicht. Der Einberufungsprozess verläuft sehr reibungslos, weil die überwiegende Mehrheit der französischen Bürger das Gefühl hat, dass Frankreich überfallen worden ist. Es ist ein Angriffskrieg Deutschlands, deshalb scharen sie sich, wieder mit Resignation, mit Widerwillen, hinter ihren Staat, sie glauben, sie müssen die Republik verteidigen. Die Mehrheit der französischen Bevölkerung sind Bauern. Der August 1914 ist Erntezeit. Niemand will seine Ernte zurücklassen, die Frauen und Kinder und die Alten die Ernte einbringen lassen und den Hof verkommen lassen, während er in den Krieg zieht. Das geschieht ganz und gar widerwillig. Berichte von Schullehrern aus ganz Frankreich, besonders aus dem ländlichen Frankreich, erzählen uns diese Geschichte von Menschen, die wirklich am Boden zerstört sind, dass der Krieg gekommen ist, die aber glauben, dass er ausgefochten werden muss. Und das ist, glaube ich, der Grund, warum man 1914 bei einem so gewaltigen Krieg landet. Aber die Bevölkerungen sehen das wirklich als etwas, das getan werden muss, und nicht als etwas, wofür sie begeistert sind. Wiederum im britischen Fall demonstrieren in der Woche, bevor Großbritannien in den Krieg eintritt, Zehntausende Menschen auf dem Trafalgar Square – dagegen, in den Krieg zu ziehen. Hauptsächlich Mitglieder nonkonformistischer Kirchen und Labour-Anhänger. Sobald der Krieg ausbricht, verschwindet dieser Widerspruch weitgehend, weil, wiederum, das Gefühl herrscht, dass Belgien überfallen worden ist, dass dies ein Krieg für rechtschaffene und gerechte Anliegen ist. Die Begeisterung in Großbritannien, das sind also die jungen männlichen Studenten und ein bestimmter Teil der gewissermaßen unteren Mittelschicht, die das als so etwas wie ein Abenteuer sehen. Aber das ist sehr begrenzt. Die meisten Menschen sind wirklich entsetzt über den Krieg.

Michael Baker

Vielleicht wenig überraschend hat die Westfront in der britischen Sicht auf den Ersten Weltkrieg schon immer eine zentrale Rolle gespielt. Doch der populäre Blick richtete sich eher auf vermeintliche britische Niederlagen, besonders die Somme und Passchendaele, auf hohe Verluste und auf die Generäle, die dafür verantwortlich gemacht wurden. Fast so, als hätte es den Sieg der Alliierten im Herbst 1918 nicht gegeben. Ich fragte mich, ob sich diese Sichtweisen in den letzten Jahren irgendwie verschoben hätten.

Heather Jones

Ich denke, was wir jetzt haben, ist ein besseres Verständnis der Zwänge, unter denen die Generäle an der Westfront tatsächlich arbeiteten. Ich denke, es gibt tatsächlich etwas mehr Empathie für ihre Lage und auch einen stärkeren Versuch, ihre Denkweisen zu rekonstruieren, ihr Verständnis der geopolitischen Situation, ihr Weltbild. Zum Beispiel: Wie verstanden sie den Abnutzungskrieg, wie gingen sie mit Massenverlusten um, sahen sie das Opfer der Soldaten wirklich als etwas so Glorreiches an, dass es die Schrecken der Art und Weise aufhob, wie diese Männer starben? Es gibt also viele neue Arbeiten dazu, wie die Generäle den Krieg selbst eigentlich verstanden, in einem gewissermaßen kulturellen und mentalitätsgeschichtlichen Sinne. Welche anderen Optionen hatten sie militärisch, wenn man sich Dinge wie die Entwicklung des Panzers ansieht, Dinge wie die Entwicklung der Luftmacht, und tatsächlich sieht, dass es von 1914 bis 1918 eine ziemlich starke Entwicklung gibt, eine Lernkurve, wenn man so will. Wir sehen die Generäle nicht mehr so, dass sie einfach immer und immer wieder dasselbe tun, ich meine, diese Art von Blackadder-Sketch. Das wird jetzt durch die Arbeit von Gary Sheffield, Jonathan Boff und anderen zu dieser Lernkurve innerhalb von Armeen sehr stark widerlegt. Und wir wissen jetzt auch dank der Arbeit von Amy Fox, dass die Lernkurve tatsächlich international ist. Es geht also sehr stark auch um Lernkurven in anderen Armeen: Es gibt ein System, bei dem man von den eigenen Verbündeten lernt.

Michael Baker

Wie sieht man also heute den Sieg der Alliierten an der Westfront 1918? Gibt es unter Historikern irgendeinen Konsens darüber, wie er errungen wurde?

Heather Jones

Es gibt eine sehr intensive Debatte darüber, was eigentlich zum Sieg der Alliierten führt, und sie dauert an, es gibt keinen Konsens. Die neueste und wichtigste Arbeit ist die von David Stevenson (With Our Backs To The Wall), die wirklich untersucht, auf welche Weise der deutsche Zusammenbruch geschieht, besonders die Bedeutung des Wegbrechens der Verbündeten Deutschlands, des Ausscheidens Bulgariens aus dem Krieg als entscheidender Auslöser für den Erfolg der Alliierten an der Westfront. Damit wird, wenn man so will, das größere Bild dessen wieder einbezogen, was anderswo geschieht. Ich denke also, was wir für die Westfront jetzt sehen, ist eine Reihe von Hypothesen. Da ist die Hypothese der Lernkurve, dass nämlich der Weg, den die Armeen zwischen 1914 und 1918 zurücklegen, so groß ist, dass er es ihnen ermöglicht, 1918 besser zu kämpfen und dadurch den Bewegungskrieg wiederherzustellen. Der zweite Punkt ist, dass 1918 eine Erfolgsgeschichte der Koalitionskriegführung ist. Sobald die deutsche Frühjahrsoffensive kommt, kommt es dazu, dass Haig schließlich gezwungen wird, einen alliierten Generalissimus zu akzeptieren, und einen französischen alliierten Generalissimus, Ferdinand Foch. Und das ist absolut entscheidend, weil man plötzlich jemanden hat, der die Briten, die Belgier, die Franzosen und die Amerikaner koordiniert, als diese 1918 ins Spiel kommen. Man bekommt also eine tatsächlich koordinierte Koalitionsanstrengung, während man vorher im Krieg nur Verbündete hatte, die gelegentlich miteinander redeten, sich auf Konferenzen abstimmten, aber niemanden, der durchsetzen konnte, dass Reserven verschiedener Armeen an verschiedene Orte geschickt wurden, je nachdem, wo sie entlang der gesamten Westfront gebraucht wurden. Dieses vernetzte Denken setzt 1918 ein, und es gibt ein Argument, dass das der Schlüssel dazu ist, dass die Alliierten den Krieg gewinnen. Es gibt ein weiteres Argument, nämlich dass wir den französischen Beitrag übersehen haben. Die französische Armee ist nach den Meutereien von 1917, was die Offensive angeht, faktisch geschont worden. 1918 ist sie nun stark genug, um wieder einzusteigen, mit großen Gegenangriffen Ende Juli 1918, die den britischen Gegenangriffen in der ersten Augustwoche 1918 vorausgehen. Und dieser französische Beitrag ist wirklich entscheidend dafür, die britische „Hunderttage“-Offensive vorzubereiten. Und wir haben auch ein Argument, dass es die amerikanische Wirkung ist. Es ist die psychologische Wirkung dessen, dass die Amerikaner im Sommer 1918 wirklich Soldaten vor Ort bringen, wirklich beginnen, etwas zu bewirken, besonders im September. Und das ist wirklich ein Schlüsselfaktor dafür, warum die Alliierten gewinnen, denn die deutsche Armee kann diese neue Ressource tatsächlich sehen, die praktisch unbegrenzt verfügbar ist und einfach immer weiter Männer und Nachschub an die Westfront schleusen wird. Und es gibt auch ein Argument, dass es eigentlich ganz um die Moral der deutschen Armee geht. Und das ist wirklich die zentrale Arbeit von Alexander Watson: nicht darüber, dass der Krieg 1918 gewonnen wird, sondern darüber, dass die Deutschen ihn verlieren, und zwar verlieren, weil sie mit den Frühjahrsoffensiven ein Vabanquespiel wagen, in diesen Offensiven so viele Männer verlieren, dass sie tatsächlich den Kern ihrer militärischen Stärke verlieren. Und wenn dann die Gegenangriffe kommen, mit den Franzosen zuerst im Juli und den Briten im August, hat die deutsche Armee nichts mehr, worauf sie zurückgreifen kann. Ihre Widerstandskraft ist gebrochen worden. Ab Ende Juli sieht man Massenkapitulationen, die sich im August/September 1918 auf Hunderttausende steigern. Kapitulationen in diesem Ausmaß hatten wir an der Westfront in diesem Krieg überhaupt noch nicht gesehen. Die Franzosen und die Briten machen in diesen Monaten mehr Gefangene, als sie in den gesamten vorherigen Jahren des Krieges gemacht haben. Man sieht Subalternoffiziere, die ihre Männer geordnet in die Gefangenschaft führen, weil sie nicht mehr kämpfen wollen. Das letzte Argument ist das der Blockade. Eigentlich geht es darum, was an der deutschen Heimatfront passiert, die ihre Armee nicht mehr wirksam mit Lebensmitteln versorgen kann. Große Debatte darüber. Nicht alle Historiker würden zustimmen. Wir wissen aus der Arbeit von Mary Cox, dass die Blockade an der Heimatfront sehr schädlich ist, aber eigentlich ist die Moral an der deutschen Heimatfront ziemlich gut, bis man zum September/Oktober kommt, wo sie anfangen, von ihren Politikern die Information zu bekommen, dass der Krieg verloren ist. Die Moral an der deutschen Heimatfront ist nicht schlecht, wenn man die wirklich schlechte Versorgungslage bedenkt, mit der sie konfrontiert ist. Für mich ist das Argument also wirklich die Frühjahrsoffensive als dieser große Fehler, dieses große Vabanquespiel, das sich für die deutsche Armee nicht auszahlt, und die Wirkung, die das auf die Moral hat. Und das ist absolut zentral. Und dann hat man das Element der Koalitionskriegführung. Das sind, denke ich, die zwei entscheidenden Dinge, die wirklich zu einem Sieg der Alliierten Ende 1918 beitragen.

Michael Baker

Der Zustand der Moral, wie Männer vier lange Jahre lang unter düsteren Bedingungen auf beiden Seiten der Westfront zurechtkamen, war für professionelle Historiker schon immer ein Interessengebiet. Doch heute ist der Ansatz ein viel differenzierterer.

Heather Jones

Moral ist eine sehr interessante Debatte, und ich denke, es gibt jetzt einen Konsens, dass Moral wirklich multifaktoriell ist und dass wir eigentlich, wenn wir uns die Moral ansehen, interdisziplinäre Methoden anwenden müssen, um sie zu verstehen. Das wäre also der Unterschied zwischen der Art, wie wir Moral heute erforschen, und wie es vielleicht vor 20-30 Jahren gemacht wurde. Die Grundbedürfnisse nach Essen, Schlaf, Zugang zu Ruhe, irgendeiner Art von grundlegenden Lebensbedingungen, medizinischer Versorgung, das sind die zentralen Fragen bei der Moral. Ich denke, Kameradschaft ist jetzt etwas, das Teil des Bildes ist, während sie früher wahrscheinlich das Entscheidende war, über das im Zusammenhang mit Moral viel gesprochen wurde. So sprachen die Veteranen über den Krieg, über die Kameradschaft, die sie durchgebracht hat. Aber einiges davon war eine Projektion aus der Nachkriegszeit zurück auf ihre Erfahrungen und darauf, wie sie sich an die guten Seiten erinnerten. Ich denke also, dass man Kameradschaft jetzt als einen Faktor unter vielen anderen sieht, die Männer durchhalten ließen, während sie im Krieg waren. Wir müssen uns auch ideologische Faktoren ansehen. Also: Inwieweit hatten Soldaten das Gefühl, dass es sich lohnte, für den Krieg zu kämpfen, inwieweit waren sie emotional in den Krieg investiert? Ich habe die Arbeit von Alexander Watson erwähnt, der hier natürlich für die britische und die deutsche Armee zentral ist. Aber es ist auch wichtig, die Arbeit von Annette Becker und Stéphane Audoin-Rouzeau in Frankreich zu erwähnen, die sich mit der Idee beschäftigt haben, wie Soldaten in manchen Fällen an den Krieg als eine Art Kreuzzug glaubten, eine Art Kreuzzug für ihren Nationalstaat, ein Gefühl, dass es hier um das nationale Überleben ging und um die Verteidigung ihrer Kultur zu Hause und ihrer Völker zu Hause. Also eine Vorstellung vom Ersten Weltkrieg als eigentlich wirklich ziemlich tiefgehendem ideologischem Konflikt, bei dem es nicht nur um Wehrpflichtige geht, die eine Arbeit erledigen und gezwungen sind, dort zu sein, sondern der auch eng mit den Überzeugungen der Menschen über den Krieg verbunden ist, darüber, ob es sich lohnte, ihn zu führen, ob er von Bedeutung war, und damit, wann diese Überzeugungen zusammenbrachen – das sind die Punkte, an denen wir Meutereien sehen, Meutereien in Russland, Meutereien in Frankreich.

Michael Baker

Das traditionelle Narrativ des Ersten Weltkriegs ist, im Gegensatz zum Zweiten, das eines Konflikts, der eine Trennung zwischen Zivilisten und Kombattanten mit sich brachte, zwischen der Front und der Heimatfront. Diese Trennung lässt sich nicht länger aufrechterhalten.

Heather Jones

In den 1920er-Jahren kristallisiert sich die Erinnerung an den Krieg um die gefallenen Kombattanten, und das wird das, woran sich die Menschen erinnern, weil das für viele Gesellschaften einer der schmerzhaftesten Aspekte des Krieges ist. Das führte zu einer Vernachlässigung und einem Vergessen, wenn man so will, des Ausmaßes, in dem Zivilisten tatsächlich in den Ersten Weltkrieg hineingezogen wurden, im Ersten Weltkrieg getötet wurden, durch den Ersten Weltkrieg vertrieben wurden, und es hat unser Verständnis dieses Konflikts wirklich verzerrt und dieses seltsame Bild eines Krieges erzeugt, der ein Krieg der Soldaten war, statt eines Krieges, der ganze Gesellschaften erfasste, wobei man Zivilisten an der Heimatfront vielleicht unter dem Aspekt der Munitionsarbeiter diskutierte, aber nicht wirklich unter dem Aspekt tatsächlicher Kriegsopfer. Wenn wir uns diesen Konflikt tatsächlich ansehen und bedenken, dass zum Beispiel riesige Teile Europas von den Mittelmächten ziemlich rücksichtslos besetzt werden: praktisch ganz Belgien, Nordfrankreich, bis hin zu Städten wie Warschau in Osteuropa, die baltischen Staaten. Wir sehen wirklich riesige Bevölkerungen, die durch diesen Konflikt völlig aus der Bahn geworfen werden. Diese gewaltigen Deportationen während des Krieges, gewaltige Zahlen von Menschen, die einfach wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit von dort, wo sie leben, weggebracht werden. Im Fall des Russischen Reiches entfernt es einen riesigen Teil seiner jüdischen Bevölkerung, der russische Staat hat sie schwer unterdrückt. Einige dieser jüdischen Bevölkerungsgruppen sehen in diesem Konflikt tatsächlich die Deutschen als potenzielle Befreier. Also deportiert Russland diese Menschen brutal. Im Ersten Weltkrieg gibt es beträchtliche Luftangriffe, nichts im Ausmaß des Zweiten Weltkriegs, aber man sieht die Bombardierung Londons, man sieht Hunderte Menschen, die im Juni 1917 getötet werden. Wenn man sich Deutschland ansieht, wird Karlsruhe bombardiert; wenn man sich Paris ansieht, wird Paris beschossen, Pariser werden in Saint-Gervais massenhaft getötet. Wenn wir uns die Rolle der Internierungslager ansehen, ist das der erste Konflikt, in dem riesige Zahlen von Menschen einfach zusammengetrieben und interniert werden, wiederum aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, aus keinem anderen Grund. Im Fall Großbritanniens werden alle deutschen Zivilisten im wehrfähigen Alter interniert, einfach auf unbestimmte Zeit eingesperrt, bis der Konflikt endet. Dasselbe geschieht in Deutschland. Wenn wir uns Österreich-Ungarn ansehen, ist es noch rücksichtsloser, es wendet sich gegen seine italienischsprachigen Untertanen, Menschen, die österreichisch-ungarische Untertanen sind, aber einfach zufällig Italienisch sprechen. 12 Millionen Flüchtlinge nach dem Krieg, 12 Millionen Menschen, die durch den Krieg und die nachfolgenden Konflikte, die aus ihm hervorgehen, wie den Russischen Bürgerkrieg, faktisch vertrieben worden sind. Und schon zu Beginn des Krieges ist dieser Fluchtprozess sehr deutlich zu sehen. Wenn wir uns also Großbritannien ansehen: 250.000, das ist eine Viertelmillion Belgier, kommen 1914 nach Großbritannien, auf der Flucht vor der deutschen Invasion. Und sie bleiben praktisch den ganzen Krieg über. Das ist eine gewaltige Flüchtlingserfahrung für das Vereinigte Königreich, aber sie ist praktisch vergessen. Und natürlich ist der Kern des Ersten Weltkriegs, mit dem wir uns gerade wirklich auseinanderzusetzen beginnen, der Völkermord. Also der Völkermord an den Armeniern. Was das Osmanische Reich zu tun beginnt, als es zu zerfallen und zu implodieren beginnt, dieser Völkermord, der bewusst gegen die armenische Minderheit des Reiches entfesselt wird, ist ein Weg, sie loszuwerden und faktisch ein Nationalstaatsmodell zu festigen. Die beiden Weltkriege wirken also viel stärker miteinander verbunden, wenn wir die Zivilisten wieder in den Rahmen einbeziehen.

Michael Baker

Und tatsächlich fällt es schwer, 1918 noch länger als Ende des Krieges zu betrachten. Der Konflikt ging an der Westfront zu Ende, doch in vielen anderen Teilen Europas und darüber hinaus ging Gewalt in großem Ausmaß bis weit in die Zwischenkriegszeit weiter.

Heather Jones

Was wir als eine Art populäre Erinnerung haben, ist die Erinnerung an den Jubel über den Waffenstillstand, die Tatsache, dass diese verdammte Sache vorbei war, oder? Und das war ein Moment der Erleichterung. Es war ein Moment der Hoffnung, das sind französische und britische Menschenmengen, die draußen auf den Straßen feiern, und das ist der Moment vor dem Scheitern des Waffenstillstands, vor dem Scheitern von Versailles, vor all den chaotischen Friedensverträgen, die in vielerlei Hinsicht eigentlich nicht das bringen, was die Europäer sich erhofft hatten. Also die Jahre, die danach kommen, die Zeit 1919, 1920, 1921, '22, '23, die unglaublich gewalttätig ist, auch das ist etwas, das wir jetzt wieder ins Bild holen. Was in Ostmitteleuropa geschieht, sind zusammenbrechende Staaten, zusammenbrechende Dynastien, Revolution, die Ausbreitung des Kommunismus und der Russische Bürgerkrieg, und der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und der Griechisch-Türkische Krieg. Also gewaltige weitere Vertreibungen in dieser Region, wobei Griechen im Grunde aus dem zerfallenden Osmanischen Reich fliehen, aus dem sie in vielen Fällen faktisch ethnisch gesäubert werden. Und Muslime, die aus dem heutigen Griechenland ausgetauscht werden, eine halbe Million Muslime, die in die andere Richtung zurückgeschickt werden, aus keinem anderen Grund als der Tatsache, dass sie einfach Muslime waren, die auf griechischem Gebiet lebten – Zivilisten, deren Leben völlig zerrissen wird. Mächte wie Großbritannien beginnen, einige dieser anhaltenden Gewalttätigkeiten als Mittel zu nutzen, um zu versuchen, ihre eigenen kolonialen Positionen auszubauen, Frankreich ebenso, das im Osmanischen Reich dasselbe tut. Oder Mächte versuchen auch, den Kommunismus aufzuhalten, und lassen deshalb andere Formen von Gewalt geschehen. Also zum Beispiel die Freikorps in den baltischen Staaten, die nach dem Ersten Weltkrieg wüten und Massengewalt gegen Zivilisten verüben, einschließlich antisemitischer Gewalt: Ihr Argument ist, dass sie den Kommunismus bekämpfen, ihr Argument ist, dass sie deutsche Minderheiten in der Region schützen.

Michael Baker

Kann man also sagen, dass 1918 eigentlich nur für die Sieger das Ende des Krieges markierte?

Heather Jones

Ich denke, ein Teil des Problems ist, dass der Sieg am Ende des Ersten Weltkriegs plötzlich sehr, sehr hohl erscheint. Die Siegesstimmung hält überhaupt nicht lange an, selbst in Mächten wie Großbritannien und Frankreich, weil eigentlich alles, was man ursprünglich wollte, nämlich die Welt von 1914, weggebrochen ist. Selbst die Siegermächte sind also ratlos, was sie als Nächstes tun sollen. Was machen sie mit dem Imperium? Was machen sie, wissen Sie, mit dem Versuch, den besiegten Staaten neue Kolonialgebiete abzunehmen? Was machen sie mit dem Aufstieg Amerikas, das aus dem Krieg hervorgegangen ist? Amerika ist plötzlich ein globaler Akteur mit einer mächtigen Armee. Das war es 1914 nicht gewesen. Selbst für die Siegermächte gibt es also dieses enorme Gefühl der Orientierungslosigkeit. Und wenn man sich etwa das Vereinigte Königreich ansieht, verliert es nach dem Ersten Weltkrieg letztlich mehr Territorium als Deutschland, weil es den Süden Irlands und Donegal verliert. Es verliert 26 Grafschaften. Es verliert einen riesigen Teil dessen, was vor 1914 sein Territorium als Vereinigtes Königreich gewesen war, und es verliert sie unter gewaltsamen Umständen. Der Krieg geht also eigentlich auch innerhalb des Vereinigten Königreichs weiter: Großbritannien muss in dieser Zeit Paramilitärs nach Irland schicken, um zu versuchen, die republikanische Gewalt niederzuschlagen.

Michael Baker

Eine der Beschränkungen früherer Darstellungen des Ersten Weltkriegs war ihr nationaler, wenn nicht nationalistischer Charakter. So neigten britische Studien dazu, sich fast ausschließlich auf die Gebiete zu konzentrieren, an denen Großbritannien beteiligt war: die Westfront, Gallipoli, den Nahen Osten. Und dasselbe galt im Großen und Ganzen für die Geschichtsschreibung anderer Nationen. Heute beginnen Historiker, dies als einen wirklichen Weltkrieg mit weitreichenden Folgen zu sehen.

Heather Jones

Eines der interessantesten Dinge, die aus den 1990er-Jahren hervorgegangen sind, war der Aufstieg zunächst der vergleichenden Geschichte und dann der transnationalen Geschichte. Also diesen Krieg zu betrachten und zu erkennen, dass man eine nationale Geschichte eigentlich nicht isoliert erzählen kann. Denn um den Krieg zu verstehen, muss man wechselseitige Phänomene verstehen. Und das gilt sogar für die Militärgeschichte. Wenn man sich also etwa die Einführung des Metallhelms als Schutz für die Truppen an der Westfront ansieht, der kommt 1916. Er wird in allen drei Armeen sehr schnell eingeführt. Aber sie kopieren einander. Und es ist eigentlich eine von Subalternoffizieren angeführte Initiative, bei der Leute sich selbst Helme machen und versuchen, die da oben dazu zu bringen, anzuerkennen, dass jeder irgendeine Art von Kopfschutz braucht. Man kann nicht verstehen, wie Armeen sich anpassen, wenn man sie nicht in ihrer Wechselseitigkeit miteinander betrachtet. Sie lernen voneinander, sie kopieren einander, sie passen sich sehr schnell an. Beim Einsatz von Gas wäre es ähnlich. Eine Seite tut es, die anderen reagieren sehr schnell. Selbst auf dieser Ebene hat uns die transnationale Geschichte so viel gebracht. Die transnationale Geschichte entwickelte sich dann zur Globalgeschichte. Wir haben jetzt also einen Sinn dafür, die Auswirkungen des Krieges zu betrachten, besonders über das damals bestehende System der Imperien, und zu betrachten, wie dieser Krieg wirklich mit einem historischen Moment zusammenhängt, in dem imperiale Staatsstrukturen unter enormen Druck geraten und die Wirkung des totalen Krieges so viele von ihnen vollständig zusammenbrechen lässt. Sehr, sehr interessante Trends, die in mehreren Regionen der Welt sichtbar sind und sich eigentlich gegenseitig spiegeln.

Michael Baker

Schließlich: Wie geht es von hier aus weiter? Wohin geht die Forschung? Welche Aspekte des Ersten Weltkriegs verstehen wir noch immer nicht wirklich?

Heather Jones

Im Moment bewegt sich die Geschichtsschreibung sehr stark dahin, die Umweltgeschichte des Ersten Weltkriegs zu betrachten. Die Auswirkungen, die der Krieg auf die Landschaft hatte, die Zerstörung Nordfrankreichs zum Beispiel. Und die Blockade zu betrachten, die Auswirkungen der Blockade auf Gesellschaften. Aber ich denke, für mich, die Bereiche, die noch Lücken sind: Wir wissen immer noch nicht genug über Religion im Ersten Weltkrieg. Sie war ein enormer Faktor im Alltagsleben und in den Denkweisen der Menschen damals. Globale Religionen sind als Thema für den Ersten Weltkrieg kaum berührt worden, und neue Arbeiten entstehen erst jetzt. Ich denke also, das ist für mich ein zentraler Bereich, in dem wir mehr wissen müssen. Der andere zentrale Bereich ist für mich die Frage der Rasse. Der Erste Weltkrieg ist ein sehr interessanter Moment zwischen dem gewissermaßen sozialdarwinistischen späten 19. Jahrhundert und der Zwischenkriegszeit, in der wir den Aufstieg sehr fanatischer Rassifizierungen europäischer Bevölkerungen in nationalistischen Kulturen sehen. Die Deutschen werden als Rasse beschrieben, und besonders die Preußen, die preußische Rasse im britischen Fall zum Beispiel. In Frankreich spricht man von einer deutschen rassischen Identität, davon, dass deutsche Körper anders riechen als französische Körper, davon, dass Deutsche anders essen. Ich meine, im Ersten Weltkrieg beginnt wirklich eine Art biologischer Essentialismus gegenüber dem Feind. Und das gilt besonders auch für Truppen, die nicht weiß sind. Es besteht für uns ein echter Bedarf, zurückzugehen und mehr dazu zu arbeiten, was zwischen 1914 und 1923 geschieht, besonders zu diesen Vorstellungen von Rasse, weil einige dieser Sprechweisen dann in der Zwischenkriegszeit und bis in den Zweiten Weltkrieg hinein auf wirklich gewalttätige Weise wieder auftauchen.

Michael Baker

Ich habe mit Heather Jones gesprochen, Professorin für Neuere und Neueste Europäische Geschichte am University College, London. Die anderen Podcasts dieser Staffel werden einige der Bereiche des Ersten Weltkriegs, die Heather anspricht, sowie weitere eingehender untersuchen. Heather Jones’ eigene Schriften zum Thema sowie andere Werke, die sie erwähnt, finden Sie auf der Website von Unknown Warriors. Im nächsten Podcast spreche ich mit Professor Gary Sheffield, einem von einer Handvoll bahnbrechender britischer Historiker der Westfront, deren Arbeit unsere Sicht auf diesen zentralen Kriegsschauplatz des Konflikts grundlegend verändert hat. Ich hoffe, Sie sind wieder dabei, wenn ich meine Erkundung des wahren Ersten Weltkriegs in Unknown Warriors fortsetze.

Musik: Saties Je Te Veux

Michael Bakers Erzähltext ist kursiv gesetzt. Das Transkript wurde in der Rechtschreibung leicht korrigiert. Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt.

Helfen Sie mit, die neueste Forschung einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Unabhängig · Werbefrei · Kostenlos zu hören

Unknown Warriors wird von Michael Baker unabhängig produziert. Ihre Unterstützung finanziert neue Interviews, vollständige Transkripte und die kommende Staffel zum Kalten Krieg.