Heute ist der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Gedacht wird dabei dessen, was wir inzwischen ‚The Holocaust‘ zu nennen gewohnt sind, womit die gezielte Vernichtung von rund sechs Millionen europäischen Juden durch die Nazis und ihre Kollaborateure während des Zweiten Weltkriegs gemeint ist. Doch diesen ganz besonderen Begriff (mit dem nachdrücklichen ‚The‘ davor und dem großen H) gibt es eigentlich erst seit den 1970er- und 80er-Jahren, als er erstmals Eingang in den öffentlichen Diskurs fand; bis dahin war er weitgehend der wissenschaftlichen Forschung vorbehalten gewesen, der jüdischen wie der nichtjüdischen. Die Wahrheit ist natürlich, dass es in der Geschichte viele Holocausts gegeben hat, selbst im strengen Sinne genozidaler Angriffe, die gezielt gegen ganze Völker verübt wurden. In der Moderne war der bedeutendste vor dem des Zweiten Weltkriegs der Völkermord an den Armeniern, den die Türken ab 1915 während des Ersten Weltkriegs verübten. Als das Osmanische Reich unter der Last des Konflikts zusammenbrach, galt die christliche armenische Minderheit in Anatolien den nationalistischen türkischen Eliten zunehmend als Bedrohung, und diese begannen eine Kampagne, um sie zu deportieren, auszurotten und ihre Kultur zu zerstören (Letzteres ist übrigens ein zentraler Bestandteil der juristischen Definition von Völkermord, wie sie die Konvention von 1948 festlegt). Schätzungen zufolge kamen dabei bis zu einer Million Armenier ums Leben, manche sprechen sogar von 1,5 Millionen; die Türkei hat diese Vorgänge stets geleugnet, doch die meisten seriösen Historiker erkennen sie weitgehend als Völkermord an, und rund 34 Länder weltweit tun dies offiziell. In der jüngeren Vergangenheit gab es den Völkermord in Ruanda 1994, bei dem die Mehrheitsbevölkerung der Hutu eine Kampagne mörderischer Gewalt gegen die Minderheit der Tutsi entfesselte (in gut vier Monaten wurden mehr als 650.000 Menschen getötet und Zehntausende Frauen vergewaltigt). Dieser afrikanische Holocaust erinnert an einen anderen in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, den das deutsche Militär in Südwestafrika (dem heutigen Namibia) am Volk der Herero verübte, von dem bis zu 65.000 Menschen systematisch ermordet oder dem Hungertod ausgeliefert wurden. Heute schließt sich auf außergewöhnliche Weise der Kreis: Wir sind mit einem weiteren umfassenden Massaker an einem Volk konfrontiert, in Gestalt der Tragödie in Gaza, verübt ausgerechnet von jener Nation, die nach der Staatsgründung 1948 zuerst von vielen jüdischen Überlebenden des Holocaust besiedelt wurde. Trotz wütender israelischer Dementis wird die Tötung Zehntausender Palästinenser in Gaza (ein Drittel von ihnen Kinder) durch Schüsse und Bomben sowie die gezielte Zerstörung ihrer Städte und ihrer Lebensweise inzwischen von allen angesehenen Historikern des Holocaust als Völkermord verurteilt. Wann läuft Völkermord auf das ‚geringere‘ Verbrechen der ethnischen Säuberung hinaus? Was von beidem war es in Bosnien während der Jugoslawienkriege der 1990er-Jahre? Wie nennen wir, was heute den muslimischen Uiguren im Nordwesten Chinas widerfährt? Hätte Putin die Ukraine nach seinem Einmarsch 2022 überrannt, kann dann irgendjemand ernsthaft bezweifeln, dass die Russen alles darangesetzt hätten, die ukrainische Sprache und die ukrainische Kultur auszulöschen? Das sind keine Fragen, die wir hier klären können. Es genügt zu sagen: Je instabiler die Welt wird, je mehr Macht vor Recht geht, desto größer wird das Potenzial für Holocausts und Völkermorde. In diesem Zusammenhang wird die Ungeheuerlichkeit des Holocaust, das schiere Ausmaß dieses Verbrechens, zu Recht auch weiterhin als Mahnung der Geschichte an die Zukunft hochgehalten werden.
Wenn Sie glauben, den Ersten und Zweiten Weltkrieg zu kennen, ist es Zeit, noch einmal nachzudenken.

Michael Baker ist ein in Oxford ausgebildeter Historiker, preisgekrönter Drehbuchautor und Macher des Podcasts Unknown Warriors. Über Michael




