Birnenbonbons und Gift

Britische Soldaten der 55th West Lancashire Division, die während der deutschen Frühjahrsoffensive 1918 durch Tränengas erblindet sind, stehen an einem vorgeschobenen Verbandsplatz bei Bethune, Frankreich, zur Behandlung an. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs hatten alle Seiten zusammen 124.000 Tonnen Giftgas hergestellt.
Britische Soldaten der 55th West Lancashire Division, die während der deutschen Frühjahrsoffensive 1918 durch Tränengas erblindet sind, stehen an einem vorgeschobenen Verbandsplatz bei Bethune, Frankreich, zur Behandlung an. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs hatten alle Seiten zusammen 124.000 Tonnen Giftgas hergestellt. Insgesamt wurde die Zahl der nicht tödlichen Gasverletzungen für den gesamten Krieg offiziell auf fast 1.200.000 beziffert. Die Zahl der auf Gas zurückzuführenden Todesfälle lag bei rund 85.000.

Patt in der Ukraine

In drei Wochen wird der Krieg in der Ukraine so lange gedauert haben wie der Erste Weltkrieg. Die beiden Konflikte sind oft miteinander verglichen worden. Wie an der Westfront ab Ende 1914 hat sich auch in der Ukraine der Krieg zu einem Stellungskrieg von zermürbender Härte festgefahren, in dem auf beiden Seiten die Geländegewinne minimal und die Verluste hoch sind. Zumindest war das so, bis vor Kurzem der geschickte Einsatz innovativer Drohnentechnik durch die Ukraine das Gleichgewicht zu kippen begann, was den Ukrainern kleine Vorstöße einbrachte und den Russen erschütternde Verluste von bis zu 35.000 Mann im Monat zufügte (laut normalerweise zuverlässigen Schätzungen) – eine Verlustrate, die die Russen derzeit nicht durch neue Rekruten ausgleichen können.

Russische Gasangriffe

Eine Parallele zwischen dem Ukrainekrieg und dem Ersten Weltkrieg, die weniger Beachtung findet, ist der Einsatz giftiger oder toxischer Gase auf dem Schlachtfeld. Bislang haben dies nur die Russen getan, obwohl Moskau, wie Kyjiw, das Chemiewaffenübereinkommen unterzeichnet hat, das eine solche Kriegführung verbietet. Westliche Geheimdienste haben bestätigt, dass die Russen seit 2022 in der Ukraine in weit über 9000 Fällen Gas eingesetzt haben, hauptsächlich in Form von Tränengas und Chlorpikrin, einem Erstickungskampfstoff. Als Reaktion darauf verhängte die EU im Mai 2025 weitere Sanktionen gegen Russland.

Giftgas und der Erste Weltkrieg

Der überlieferten Erzählung nach setzten im Ersten Weltkrieg die Deutschen als Erste Gas ein, doch tatsächlich wurde der erste dokumentierte Gasangriff von den Franzosen verübt, die im August 1914 Tränengasgranaten einsetzten, um deutsche Vorstöße in Belgien und Teilen Frankreichs aufzuhalten. Die Deutschen schlugen im Oktober desselben Jahres bei Neuve Chapelle zurück und feuerten Granaten ab, die bei der Detonation Niesanfälle bei den Getroffenen auslösten und sie so feindlichen Angriffen schutzlos auslieferten. Als der Stellungskrieg einsetzte, suchten beide Seiten trotz Vorkriegsabkommen, die den Einsatz chemischer Waffen verboten, nach Wegen, sich mit Giftgasen einen Vorteil zu verschaffen und so das Patt zu durchbrechen. Im April 1915, in der Zweiten Flandernschlacht bei Ypern, begannen die Deutschen, Chlor einzusetzen, das aus auf deutscher Seite eingegrabenen Druckflaschen abgelassen wurde und als gelbgrüne Wolke in die feindlichen Linien zog. Die erstickende Wirkung des Chlorgases richtete unter den französischen und algerischen Truppen, die in Panik flohen, verheerenden Schaden an: Nur weil die Deutschen es versäumten, diesen Erfolg, der sie offenbar selbst überraschte, auszunutzen, kam es nicht zu ihrem Durchbruch auf einer Frontbreite von fünf Meilen. Das Problem mit Gasflaschen war, dass bei drehendem Wind die eigenen Linien getroffen werden konnten, wie es im September 1915 bei einem britischen Angriff bei Loos geschah, als die Chlorwolken in bestimmten Abschnitten der britischen Linie zurückwehten und 2000 Ausfälle und 7 Todesfälle verursachten. Im weiteren Kriegsverlauf entwickelten beide Seiten giftigere Gase sowie wirksamere Mittel, sie ins Ziel zu bringen (hauptsächlich Artilleriegranaten), und statteten ihre Truppen mit Gasmasken aus. Phosgen und Senfgas waren die wirksamsten. Keines von beiden forderte massenhaft Todesopfer, doch ihr Zweck war ja in erster Linie, den Feind kampfunfähig zu machen und ihn nachfolgenden Vorstößen schutzlos auszuliefern: Senfgas zum Beispiel – das die Tommys wegen seines süßlich-widerlichen Geruchs ‚Birnenbonbons‘ nannten – verursachte äußerst schmerzhafte innere und äußere Blasen und ließ viele Männer erblinden. Die Soldaten im Ersten Weltkrieg hatten verständlicherweise panische Angst vor Gasangriffen, doch es ist unklar, welchen Einfluss diese auf den Kriegsverlauf hatten: Großbritannien und Frankreich verzeichneten insgesamt jeweils nur rund 8000 Gastote, die Russen dagegen über 50.000. Diese Zahlen berücksichtigen natürlich nicht jene Gasopfer, die nach dem Krieg starben oder durch ihr Leiden dauerhaft behindert blieben.

Auswirkungen in der Ukraine

Verglichen mit dem Ersten Weltkrieg scheint der Gaskrieg in der Ukraine viel begrenzter und weit weniger offenkundig zu sein; er beschränkt sich allein auf die russische Seite, die Gas planlos, fast verstohlen mit Drohnen und Granaten einsetzt. Den Krieg werden die Russen damit eindeutig nicht gewinnen, und ihre derzeitigen militärischen Probleme wird es auch nicht lösen – vor dem Tribunal der Weltöffentlichkeit könnte es sich sogar gegen sie wenden (Putin und seine Generäle werden vom Internationalen Strafgerichtshof bereits wegen Kriegsverbrechen gesucht). In dieser Hinsicht ist die Ukraine klug beraten, den Russen nicht mit gleicher Münze heimzuzahlen, so wie sie sich auch bemüht hat, militärische und industrielle Zentren anzugreifen und Zivilisten zu verschonen (die Russen dagegen haben gezielt Zivilisten angegriffen). Doch lange Kriege haben die Angewohnheit, beide Seiten in einen Wettlauf nach unten zu zwingen. Wenn die Ukraine ihre derzeitige (recht erfolgreiche) Strategie fortsetzt, den Krieg nach Russland zu tragen – und Moskau sich weiterhin einer Einigung verweigert –, dann werden die zivilen Opfer in Russland zweifellos steigen, und sei es nur als Kollateralschaden (um den abscheulichsten aller militärischen Euphemismen zu gebrauchen). Das wird die Verbitterung zwischen beiden Seiten unweigerlich vergrößern und das Ende des Krieges womöglich noch schwerer machen. Oder es bringt Putin endlich zur Vernunft.

Wenn Sie glauben, den Ersten und Zweiten Weltkrieg zu kennen, ist es Zeit, noch einmal nachzudenken.

Michael Baker ist ein in Oxford ausgebildeter Historiker, preisgekrönter Drehbuchautor und Macher des Podcasts Unknown Warriors. Über Michael

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