Es ist schwer zu sagen, in was für eine Welt wir in der Ära Trump eintreten – außer dass sie zweifellos unberechenbar und ganz anders sein wird als die, an die wir uns so lange gewöhnt haben. Allerdings gibt es, auf längere Sicht betrachtet, einige verblüffende Parallelen zu den neuen Weltordnungen, die am Ende des Ersten und des Zweiten Weltkriegs entstanden. Die maßgeblichen Nachkriegsregelungen von Versailles (1919) beziehungsweise Jalta/Potsdam (1945) wurden auf Betreiben der Großmächte (der Sieger des Krieges) vereinbart, die zwar die Sprache der nationalen Selbstbestimmung und der demokratischen Freiheiten sprachen, im Wesentlichen aber das neue internationale System aufzwangen, das an die Stelle der zusammengebrochenen Imperien treten sollte, deren Zusammenbruch die beiden Konflikte herbeigeführt hatten. In beiden Fällen entstand zudem eine Vielzahl von Nationalstaaten neu oder wurde wiederhergestellt, was zu neuen Ressentiments führte (vor allem in Deutschland und, so lässt sich argumentieren, in Japan nach dem Ersten Weltkrieg) oder zu neuen „Einflusssphären“, die schlimmstenfalls auf weitreichende Unterdrückung hinausliefen (der Sowjetblock in Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg), bestenfalls auf einen diplomatischen und wirtschaftlichen Imperialismus unter der Führung der USA. Das ist, grob gesagt, nicht allzu weit davon entfernt, wie die stärksten Staaten von heute (die meisten davon Autokratien, die Vereinigten Staaten inzwischen eingeschlossen) den kleineren Nationalstaaten in ihrem Orbit ihren Willen aufzwingen. Doch der große Unterschied zu Versailles und Jalta ist ein zweifacher. Erstens kamen diese Regelungen am Ende langer, kostspieliger und zerstörerischer Weltkriege zustande. Deshalb bemühten sich die federführenden Großmächte, eine andere Weltordnung zu schaffen, die solche Kriege in Zukunft verhindern sollte. Letztlich war der Völkerbund mit tiefen Mängeln behaftet (nicht zuletzt, weil die USA ihm offiziell nicht beitraten), und die UNO war gewiss nicht immer wirksam, aber immerhin standen sie für ein anerkanntes, regelbasiertes internationales System und brachten zahlreiche Ableger hervor (in denen amerikanischer Einfluss und amerikanisches Geld durchaus bedeutend waren), die auf leisere Weise weltweit zu Verbesserungen bei Frieden, Abrüstung, Gesundheit, Bildung und Armut führten. Der zweite Punkt ist folgender: Die neue Weltordnung von 1919 wie von 1945 war im Wesentlichen eine amerikanische Hegemonie. Vordergründig war Washington nach dem Ersten Weltkrieg zwar isolationistisch, ja, aber es spielte dennoch eine beträchtliche Rolle in der Weltpolitik, schon weil der amerikanische Dollar so großen Einfluss hatte. 1945 gingen die USA als einer der großen Sieger des Zweiten Weltkriegs und reichste Volkswirtschaft der Welt als wahre Supermacht hervor, die fortan eine beherrschende Rolle auf der internationalen Bühne spielte und letztlich ihren wichtigsten Rivalen im Kalten Krieg, die Sowjetunion, überdauerte. Rückblickend können nur wenige bezweifeln, dass das 20. Jahrhundert, ja bis ins 21. hinein, Amerikas Zeit war. 2025 sehen wir, wie sich all das ändert, da rivalisierende Großmächte (China, Russland, Saudi-Arabien und andere) Amerikas Vorherrschaft einzeln wie gemeinsam herausfordern, in einem multipolareren System, in dem alle Staaten, große wie kleine, ihre eigenen Interessen verfolgen werden. Trumps Antwort – scheinbar persönlich, ja launenhaft – besteht darin, die Weltordnung abzubauen, die Amerika so lange so gute Dienste geleistet hat. Dabei hofft er, anders als seine Vorgänger in Versailles und Jalta, nicht darauf, künftige Weltkonflikte zu verhindern oder ein kränkelndes internationales System zu verbessern. Im Gegenteil, seine Absichten sind brutal transaktional: für Amerika den besten Deal herauszuholen, koste es, was es wolle, selbst wenn dies enge und langjährige Verbündete vor den Kopf stößt. Dies ist ein explosiver Bruch mit früheren Gewissheiten und dürfte eher zu mehr als zu weniger Konflikten führen. Doch wenn der Donald glaubt, dass Amerika dadurch stärker wird, wie schwach muss sein Land seiner Meinung nach dann im vergangenen Jahrhundert und darüber hinaus gewesen sein?
Wenn Sie glauben, den Ersten und Zweiten Weltkrieg zu kennen, ist es Zeit, noch einmal nachzudenken.

Michael Baker ist ein in Oxford ausgebildeter Historiker, preisgekrönter Drehbuchautor und Macher des Podcasts Unknown Warriors. Über Michael




