Unbequeme Wahrheiten über den Holocaust

Unbequeme Wahrheiten über den Holocaust

Kurz vor dem Holocaust-Gedenktag und dem 80. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee kommen mir einige Gedanken zu diesem Thema in den Sinn, das den meisten von uns zugleich überaus vertraut ist und doch weithin vereinfacht und missverstanden wird. Zunächst einmal hat sich das, was wir heute „den Holocaust“ nennen, als eigener Begriff für die Vernichtung der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg, jedenfalls im öffentlichen Diskurs, frühestens Ende der 1970er- und Anfang der 80er-Jahre herausgebildet. Bis dahin war das Thema eine Domäne von Gelehrten und Akademikern, insbesondere (wenn auch nicht ausschließlich) jüdischer Wissenschaftler. Überraschend ist tatsächlich, dass die Geschichten der Überlebenden der Vernichtungslager eigentlich erst dann richtig Gehör fanden, als zunächst 1961 in Israel der Eichmann-Prozess stattfand (wo die Aussagen von 100 überlebenden Zeugen ein entscheidender Teil des Verfahrens waren) und danach zwischen 1963 und 1965 die sogenannten Frankfurter Auschwitz-Prozesse in Deutschland, bei denen insgesamt 181 Überlebende des berüchtigten Vernichtungslagers gehört wurden. In auffälligem Gegensatz dazu wurden bei den Nürnberger Prozessen von 1945-46 kaum Überlebende gehört; sie konzentrierten sich stattdessen weitgehend auf die Verbrechen der NS-Führung. Falls Sie gedacht haben sollten, die Geschichten der Überlebenden hätten im Moment der Befreiung Aufmerksamkeit erzwungen, irren Sie sich: Tatsache war schlicht, dass es bei Kriegsende 1945 so viele Millionen Opfer aller Art und eine so umfassende Verwüstung gab, dass die Tragödie der Juden Europas (selbst wenn sie damals als solche vollständig erkannt worden wäre) nur eine unter unzähligen anderen war. Die Menschen wollten es einfach nicht wissen: Sie wollten den Krieg vergessen und mit ihrem Leben weitermachen (wie übrigens auch viele jüdische Überlebende, die nach 1948 so bald wie möglich in den neuen Staat Israel auswanderten). So trat der einzigartige und erschütternde Charakter des jüdischen Schicksals erst langsam, bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein, zutage. Vor diesem Hintergrund ist die zentrale Stellung von Auschwitz in der heutigen Erzählung vom Holocaust vielleicht verständlich: Das Lager war in den überlieferten Zeugnissen immer wieder hervorgetreten, die zu einem großen Teil von den Überlebenden der über 434.000 ungarischen Juden stammten, die 1944 (also spät im Krieg) nach Auschwitz deportiert wurden – die größte nationale Gruppe, die in das Lager geschickt wurde; 80 % von ihnen wurden bei der Ankunft vergast, sodass 20 % (die meisten zur Sklavenarbeit eingeteilt) überlebten, um davon zu erzählen. Doch die ungarisch-jüdischen Überlebenden spiegelten, wie ihre französischen, deutschen und niederländischen Schicksalsgenossen, die wohlhabenderen, gebildeteren und weltoffeneren jüdischen Gemeinden wider, aus denen sie stammten. Mit den ärmeren jüdischen Gemeinden, die überwiegend über die sowjetischen Gebiete im Osten Europas verstreut lebten, religiös orthodox waren und meist Jiddisch sprachen, hatten sie wenig gemein. Es waren diese Juden, die nach Juni 1941 die Hauptlast des Unternehmens Barbarossa trugen und die in weit größerer Zahl, meist durch Erschießungen, getötet wurden als jene, die in den Vernichtungslagern starben. Tatsächlich waren drei Viertel der 6 Millionen jüdischen Opfer des Holocaust bereits tot, als das immer weiter ausgebaute Vernichtungslager Auschwitz im Sommer 1943 voll in Betrieb ging. Heute verbinden wir den Holocaust fast ausschließlich mit Auschwitz und anderen NS-Vernichtungslagern, doch die Wahrheit ist, dass die überwiegende Mehrheit der ermordeten Juden nie ein Konzentrationslager betreten hat – und dass die meisten Lageropfer keine Juden waren.

Hören Sie Folge 5 von Unknown Warriors, um mehr darüber zu erfahren, wie die heutigen Historiker eine weitaus differenziertere und komplexere Erzählung vom Holocaust erarbeitet haben.

Wenn Sie glauben, den Ersten und Zweiten Weltkrieg zu kennen, ist es Zeit, noch einmal nachzudenken.

Michael Baker ist ein in Oxford ausgebildeter Historiker, preisgekrönter Drehbuchautor und Macher des Podcasts Unknown Warriors. Über Michael

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