Tod in Zahlen

Tod in Zahlen

Es ist unmöglich, sich mit dem Zweiten Weltkrieg zu befassen, ohne zu Statistiken zu greifen. Es gibt eine Vielzahl davon, und die Dimension der Zahlen ist oft gleichermaßen überwältigend wie entsetzlich. Etwa die Gesamtzahl der Toten der Sowjetunion (mindestens 27 Millionen, Tendenz steigend) oder die 3 Millionen, die 1943 in der Hungersnot in Bengalen starben, oder die über 2 Millionen deutschen und anderen Frauen, die von Soldaten der Roten Armee bei ihrem Vormarsch nach Mitteleuropa 1944-45 vergewaltigt wurden. Das Entscheidende an diesen Statistiken ist, dass sie im Grunde Pi-mal-Daumen-Schätzungen sind, meist auf eine handhabbare Zahl auf- oder abgerundet, denn in jedem langwierigen Krieg ist es unmöglich, methodisch genau Buch über Gefallene und Opfer zu führen. Von Armeen könnte man vernünftigerweise erwarten, dass sie ihre Verluste zusammenzählen, doch im Durcheinander der Schlacht konnten selbst ihre Berechnungen gravierend danebenliegen, und oft taten sie das auch. Viele zivile Opfer wurden natürlich nie offiziell erfasst und hätten es auch gar nicht werden können; um ihren Verlust wussten nur ihre Nächsten und Liebsten – was an den Stalin zugeschriebenen Ausspruch erinnert, ein Toter sei eine Tragödie, eine Million Tote bloß eine Statistik. Hinzu kommt, dass der Nebel des Krieges so viele Opfer unter so unterschiedlichen Umständen hervorbringt, dass sich die Wahrheit der Zahlen nur sehr schwer festmachen lässt: Wie viele Frauen, die vergewaltigt wurden und überlebten, verschwiegen es zum Beispiel aus Scham oder nahmen sich später sogar das Leben, ohne es jemandem zu erzählen? In China, wo das Ausmaß von Verlust und Zerstörung im Zweiten Weltkrieg stets monumental ist, bleibt Historikern zwangsläufig nichts anderes übrig, als von zig Millionen Flüchtlingen zu sprechen – nicht zuletzt, weil die Definition von Vertreibung selten eine wissenschaftliche ist. Und um die Verwirrung noch zu vergrößern, werden Zahlen manchmal aus der Luft gegriffen, um ein eigennütziges Argument zu untermauern. Die polnischen Nachkriegsbehörden teilten dem Nürnberger Tribunal mit, im Vernichtungslager Auschwitz seien 4 Millionen Juden gestorben, während moderne Schätzungen die Zahl auf weniger als ein Viertel davon beziffern. Heute wissen wir, dass die prognostizierte Zahl von einer Million amerikanischer Toter für den Fall, dass US-Truppen 1945 in die japanischen Hauptinseln hätten einmarschieren müssen – damals die offizielle Rechtfertigung dafür, stattdessen die beiden Atombomben auf Japan abzuwerfen –, lediglich ein Hirngespinst der überhitzten Fantasie amerikanischer Journalisten war: Tatsächlich sagte MacArthur zu Truman, die Invasion werde voraussichtlich 105.000 gefallene und vermisste GIs kosten, eine Zahl, die sich plausibel mit den über 82.000 US-Verlusten deckte, die in der kurz zuvor ausgefochtenen blutigen Schlacht um Okinawa zu beklagen gewesen waren. Angesichts all dessen ist es kaum überraschend, dass viele Statistiken zum Zweiten Weltkrieg weiterhin weitgehend unfertig sind: Redliche Historiker streben nach immer größerer Genauigkeit (und das heißt nicht immer, dass die Zahl kleiner wird), doch in manchen Bereichen wird die ganze Wahrheit wohl nie bekannt werden. Andererseits sagen uns die Zahlen, so grob sie auch sein mögen, sehr wohl, dass dies ein Krieg von beispiellosem Ausmaß war, der unvorstellbares Leid und unvorstellbare Zerstörung über unseren Planeten brachte. Schon in diesem Sinne bleiben die Zahlen für die Erzählung unverzichtbar.

Wenn Sie glauben, den Ersten und Zweiten Weltkrieg zu kennen, ist es Zeit, noch einmal nachzudenken.

Michael Baker ist ein in Oxford ausgebildeter Historiker, preisgekrönter Drehbuchautor und Macher des Podcasts Unknown Warriors. Über Michael

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